Letztes Buch von Günter Grass: Zum Abschied genial

Jens Dirksen
Günter Grass verstarb schon im April diesen Jahres - und hinterlies sein vielleicht bestes Buch.
Günter Grass verstarb schon im April diesen Jahres - und hinterlies sein vielleicht bestes Buch.
Foto: dpa
Am Freitag, Goethes Geburtstag, erscheint das letzte Buch des kürzlich verstorbenen Günter Grass. Es ist sein bestes Werk seit langem.

Essen.  Eigentlich hatte er alles schon geschrieben. Als er dann mal, wie so oft, „einen Satz um drei Ecken lenkte“, fiel ihm beim Zurückblättern auf, dass er diesen Satz vor Jahren schon einmal geschrieben hatte, und zwar „um eine Ecke genauer“. So selbstkritisch hat man Günter Grass ewig nicht erlebt. Aber es kommt noch besser: „Das ist das Ende, rief ich, / aber auch dieser Ruf stand / auf seit Jahren welkem Papier.“ Derlei lächelnde Selbstironie mit doppeltem Boden liest man nun in jenem Buch von Günter Grass, das sein letztes ist und seit dem „Krebsgang“ sein bestes seit Jahren: „Vonne Endlichkait“, betitelt nach dem letzten und einzigen Gedicht mit dem westpreußischem Zungenschlag seiner Kindheit und Jugend.

Und selbstverständlich hatte der am 13. April gestorbene Alterspräsident der deutschen Nachkriegsliteratur mitnichten jeden Satz schon mal geschrieben. Aber über die Sorge, es könnte doch so sein, hat kaum einer so schön geschrieben wie Grass in diesem Buch.

"Zwischentöne wie schon lange kein Grass-Buch mehr"

Es wechselt zwischen kurzen, höchst sinnlichen Prosa-Miniaturen der Selbstbesinnung hier und Gedichten dort, die aus ganz ähnlichen, nur noch stärker rhythmisierten Prosatexten bestehen. Und es kennt so viel Unter- und Zwischentöne wie schon lange kein Grass-Buch mehr. Stellenweise zärtlich-zart und wirklich altersweise, voller Verbeugungen – vor Hans Magnus Enzensberger als bester Wolkenbedichter etwa, vor einer großen Erzählerin wie der „vielgeliebten Libuše“ Moníková und dem Anekdotenerzähler Wolfdietrich Schnurre. Von ihm hat Grass die Geschichte des Tessiner Ehepaars geschenkt bekommen: Es fand sein gestohlenes Auto plötzlich wieder, mit einer Entschuldigung und zwei Karten für die Scala; und während es dann in der „Tosca“ saß, wurde sein gesamtes Haus leergeräumt...

Ja, es gibt auch in diesem Buch schwächere Texte von Grass: Grobe Versuche, die Tagespolitik kritisch aufs Korn zu nehmen („Fremdenfeindlich“) oder Vorboten des Klimawandels gegen das Finanzkapital auszuspielen („Und dann kam Xaver“). Und der Verfolgungswahn, mit dem der späte Grass Kritiker über einen Kamm schor, bringt ihn sogar dazu, sich neben seinem Ahnvater François Rabelais zu sehen, der zeitlebens von der Inquisition bedroht wurde – ob Grass ernsthaft glaubte, das Echo der Kritik sei wie Scheiterhaufen und Folter?

"Spurenlesen"

Aber das sind Randerscheinungen dieses von Grass selbst illustrierten Bandes, dessen Kernstück und einzige längere Geschichte in der Mitte schildert, wie er und seine Frau sich Särge schreinern lassen, probeliegen und beschließen, sich darin auf Laub betten zu lassen, mit Rosenblättern auf den Augen wie es Grass bei Bestattungen in Kalkutta gesehen hatte. Es ist die Allgegenwart der Endlichkeit, es ist auch der Tod des Günter Grass, der einen dieses Buch anders lesen lässt als andere. Man sieht mit einiger Rührung impressionistische Tupfer wie „Spurenlesen“: „Seitlich des Wellensaums / komme ich mir – hin und zurück – barfuß im Sand entgegen.“

"Ach Jinterchen"

Man liest auch tiefe Reflexionen über die „Ohnmacht“ auch derer im digitalen Zeitalter, die sich dem Surfen, Googeln, Twittern verweigern – und sich doch in der Hand einer namenlosen Gewalt fühlen. Man fühlt mit Grass, wie er erst drei Zähne verliert und dann auch noch seinen letzten („Kein Zahnweh mehr. Endlich kann ich endlich sagen“) und das mit wehmütiger Gelassenheit und humorvollem Trotz registriert.

Am Ende ging es Grass auch mit diesem Buch in Wahrheit nicht um die Endlichkeit, sondern um das, worum es Schriftstellern immer geht, um das, was bleibt, wenn die Endlichkeit erreicht ist. Die Sorge darum lässt Grass in dem Gedicht „Bilanz“ bang fragen: „Fehlt noch was, / das unterm Schlußstrich zählen könnte?“ Ach Jinterchen, möchte man sagen, es ist gut. Für die Unsterblichkeit reicht es allemal.