„Lemon Tree“ in Düsseldorf - mein Feind, der Baum

„Lemon Tree“ mit Christiane Roßbach als palästinensische Zitronenhain-Besitzerin Salma. Im Hintergrund:Marian Kindermann als Israelischer Soldat und Matthias Fuhrmeister als Kommandeur. Foto: Sebastian Hoppe
„Lemon Tree“ mit Christiane Roßbach als palästinensische Zitronenhain-Besitzerin Salma. Im Hintergrund:Marian Kindermann als Israelischer Soldat und Matthias Fuhrmeister als Kommandeur. Foto: Sebastian Hoppe
Foto: Sebastian Hoppe waz

Düsseldorf.. Wenn die Staatssicherheit der Zitronenernte schadet: Das Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt „Lemon Tree“ nach dem Film von Eran Riklis als Bühnenstück. Eine palästinensische Witwe geht für ihre Bäume bis vors Oberste Gericht.

Auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses ist Israel ein schmaler Streifen aufgeschütteter Erde mit zwei Seiten. Rechts ein angedeutetes Wohnhaus, links ein Zitronenhain, in der Mitte kullern ein paar Orangen.

Nur der Wachturm, den Bühnenbildner Stefan Mayer gleich zu Beginn vom Schnürboden herunter sausen lässt, macht rasch klar, dass dies nicht das Land ist, wo die Zitronen blühen. Dies ist das Land, wo die Zitronenhaine abgeholzt werden. Nicht weil sie alt und krank sind, sondern weil sie ein Sicherheitsrisiko darstellen. Zumindest für ein seit Jahrhunderten entwurzeltes Volk, dem Sicherheit über alles geht und dem die Angst längst zum verlässlichsten Seinszustand geworden ist.

„Lemon Tree“, der Film von Eran Riklis, vor drei Jahren bei den Berliner Filmfestspielen aufgeführt und nun als Bühnenfassung am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt, erzählt von dieser Angst an der Grenze zwischen Israel und Westjordanland und den teils absurden Folgen. Die Geschichte dreht sich um die palästinensische Witwe Salma Zidane (in Düsseldorf sensibel und still verkörpert von Christiane Roßbach), deren Zitronenplantage weichen soll, weil ihr neuer Nachbar, der israelische Verteidigungsminister Israel Navon, hinter jedem Baum einen möglichen Attentäter fürchtet.

Salma aber lässt sich weder mit Geld entschädigen noch vom Wachturm einschüchtern. Statt sich von den martialischen Schikanen beeindrucken zu lassen, zieht sie für ihre Bäume bis vors Oberste Gericht.

Grenz- und Ehekrieger

„Lemon Tree“ funktioniert über weite Strecken als berührende Polit-Parabel, die behutsam ins Private spielt. Denn die stolze Salma rebelliert mit ihrer Klage nicht nur gegen die Rolle, die ihr Geschichte und Geschlecht zuschreiben. Sie will sich auch frei machen von Tradition und Trauerkleidung, die ihr nach dem Tod des Mannes auferlegt ist wie die unerfüllte Sehnsucht nach einer neuen Liebe. Vielleicht sogar zu dem jungen Rechtsanwalt (Milian Zerzawy), der sie vor Gericht vertritt.

Die israelische Regisseurin Dedi Baron macht aus diesem Stoff in Düsseldorf eine weibliche Selbstbefreiungs-Geschichte, für die allerdings nicht nur Salma, sondern auch Mira, die Frau des Ministers steht. So wird auf der Bühne aus dem stillen Aufbegehren einer stolzen Frau vor allem ein rhetorischer Schlagabtausch zwischen Minister und Gattin. Zu Grenz- und Nachbarschaftskrieg kommt im Theater nun der Ehekrieg, den Guntram Brattia und Claudia Hübbecker stellenweise fast schon etwas zu forciert angehen. Sie appelliert an Menschlichkeit und Augenmaß im Umgang mit der Nachbarin und ihren Bäumen. Er pocht auf verteidigungspolitische Prinzipien: Staatssicherheit vor Zitronenernte!

Gleichwohl wirkt der Streit irgendwann hauptsächlich wie ein Stellvertreterkonflikt zweier beziehungsmüder Matadores, die ihr rotes Tuch im gegenüberliegenden Garten gefunden haben.

Zudem haben Noa Kenan-Lazar und Anat Rosman für die Theaterfassung eine deutsche Journalistin hinzuerfunden, die noch die deutsche Schuldfrage ins Gespräch bringen muss. An Bitterstoffen mangelt es zumindest nicht in dieser Grenzgeschichte ohne Gewinner.

 
 

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