Lebendiges Theater vom Sterben der Städte

Höhenflüge für Stadt und Theater: Die Theatermacher von „Copy & Waste“ feierten in Mülheim mit  "Einsatz hinter der V.ierten Wand“ Premiere.
Höhenflüge für Stadt und Theater: Die Theatermacher von „Copy & Waste“ feierten in Mülheim mit "Einsatz hinter der V.ierten Wand“ Premiere.
Foto: Björn Stork
Lebendiges Theater vom Sterben der Städte: „Copy & Waste“ holt (Bau-)Sünden auf die Bühne und zeigt Wahn und Sinn der Stadt an der Ruhr.

Mülheim/R..  Die Städte sterben und die Theater auch, wenn das nicht eine gemeinsame Basis ist. Seit gut fünf Jahren gelingt es den freien Berliner Theatermachern von „Copy & Waste“, aus dem doppelten Minus ein Plus zu zaubern. Am Mülheimer Ringlokschuppen inszenierten sie nun eine skurrile Farce, die den Stadtraum ganz neu zusammensetzt: und „Vracville“ entstehen lässt.

Autor Jörg Albrecht, Regisseur Steffen Klewar und wechselnde Mitmacher lassen sich seit 2007 von Orten inspirieren: vom Berliner Hauptbahnhof etwa oder vom chemisch interessanten Basler Dreiländereck. Film und Architektur sind feste Größen in ihren Stücken, Fitness- und Konsumwahn ebenfalls. Nun sind „copy & waste“, dank Landesförderungen, zwei Jahre lang am Ringlokschuppen zu Gast – und spiegeln in „Einsatz hinter der V.ierten Wand“ Wahn und Sinn der Stadt am Fluss.

Eine Gartenlaube, eine Wand mit Tür, eine Bar hinter Glas, vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler verteilen sich im schwarzen Bühnenraum (Caspar Pichner), der damit architektonisch so verpeilt scheint wie jede beliebige Innenstadt des Reviers. Eine Art Handlung orientiert sich an Thomas Pynchons Debütroman „V“. Viele Charaktere und Zitate und vor allem die Suche nach einer geheimnisvollen Frau (eben: V) sind beim Roman ausgeliehen. Wenn man das nicht weiß, macht es aber auch nichts.

Denn das Spannende, Großartige dieses Stücks ist die Verwandlung der öden Fußgängerzone, der Brachflächen, Straßen, Parkhäuser dort draußen mittels eingespielter Videos (Ian Purnell): Eine Flamingo-Jagd im Parkhaus, eine Schaufensterpuppen-Fotostory in der Camera Obscura zeigen die Stadt als surrealen, geheimnisvollen Ort.

Dazwischen gibt es Stadtplanungsgequatsche, das in aller schnellen Unsinnigkeit beinahe an René Polleschs Wortkaskaden erinnert, einsam vorgetragene Songs (Musik: Matthias Grübel) oder ein ausklappbares Theater, in dem vier Chinesinnen die Geschichte von „Germantown“ erzählen: ein Who-is-who der Architekturgeschichte. Auch hier gelingt es den Akteuren – Janna Horstmann, Elena García Gerlach, Silvia Medina, Lise Wolle und Sebastian Straub – sperriges Gedankengut zu verwandeln in eine Choreografie. Hinter der eine Wahrheit aufschimmert, die man mancherorts vielleicht nicht so gerne hört: Das Wohndesign bestimmt das Sein, Umgebung ist immer auch Prägung.

Hieß es zu Beginn des Abends noch, „wenn es sich so richtig kaputt anfühlt, bist du daheim“ – so geht am Ende die Heimat ganz baden, fällt ins Wasser, ertrinkt an der eigenen Hybris. Erdrutsche ziehen Vracville ins Verderben, ein künstlicher See wird der Stadt zum Verhängnis. Selten aber hat sich das Sterben der Städte so jung und lebendig angefühlt wie auf der Bühne dieses herrlich absurden Theaters.

Termine: 2./ 15./16.2., 19.30 Uhr. Karten: 0208/99316-0.

 
 

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