Lauter Menschengeschichten aus dem Revier, kurz und gut

Sarah Meyer-Dietrich als Schreiberin auf Zeche Carl.
Sarah Meyer-Dietrich als Schreiberin auf Zeche Carl.
Foto: Volker Hartmann
Sarah Meyer-Dietrichs Debütroman "Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen" pendelt zwischen Duisburg und Dortmund.

An Rhein und Ruhr. Am einfachsten lassen sich unterschiedliche Geschichten miteinander verbinden, indem man Menschen zusammensetzt, die damit gemeinsam die Balken biegen oder Bären aufbinden wie in Boccaccios „Decamerone“. Auf ganz andere Art ist es Hollywood-Regisseur Robert Altman in seinem großen Film der kleinen Episoden gelungen – „Short Cuts“ verbindet melancholische Erzähljuwelen von Raymond Carver, lässt aber auch etliche lose Enden.

Bäckereicafé und Bahnwaggon

Noch enger hat nun Sarah Meyer-Dietrich (35) Geschichten miteinander verwoben, die dem wirklichen Leben täuschend ähnlich sind. In ihrem Roman „Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen“ verstößt sie nicht nur gekonnt gegen die Regel, dass der kürzeste Titel immer der beste ist, sie lässt auch jede Heldin ihrer Episoden stets der nächsten begegnen, in der Bahn, in der Bahnhofsbäckerei. Und es wandern Dinge von einer zur andern, ein Ring, ein Feuerzeug, ein Ausstellungskatalog.

Bahn und Bahnhof gehören zu den letzten Orten, an denen sich die Gesellschaft begegnet, von den oberen Zehntausend mal abgesehen: Die Bäckereifachverkäuferin und der Kreativwirtschaftssklave, die Journalistin und die Studentin, der Bahnkontrolleur und die Arbeitslose. So verrücken die Bahnfahrten dieses Romans das Brennglas für Lebensgeschichten immer ein Stückchen. Am Ende wird es kein Panorama ergeben, eher ein Kaleido­skop der Wirklichkeit, mit Einblicken von schmerzhafter Nähe und Genauigkeit.

Es ist die große Stärke von Sarah Meyer-Dietrich, wie sie feinnervig Seelenlagen nachspürt und Bilder für die innere Spiegelung von Erfahrungen findet. Vieles, was man nur ahnt, wird anschaulich und begreifbar, Fremde werden vertraut, ohne darum weniger fremd zu sein. Bei aller Individualität überschneiden sich nicht nur die Geschichten von Menschen, sondern auch manche ihre Eigenarten – Identität wird erkennbar als gemacht und nicht gegeben.

Virtuosen der Kurzform

Den Figuren dieses Romans sind schöne Seufzer geschenkt, „Ich hätte jeden Tag mein Leben beginnen können“ ist einer. Sarah Meyer-Dietrich gibt ihnen allerdings auch so manches Leitmotiv bei, das manchmal allzu nachdrücklich wiederholt wird – als würde die Autorin ihrer Wirkung misstrauen und in aller Deutlichkeit auf Nummer sicher gehen wollen. Hier wäre manchmal weniger mehr gewesen.

Ohnehin haben wir uns viel zu sehr an den Skandal unseres Literaturbetriebs gewöhnt, dass Erzähler erst dann Bücher wert sind und als groß gelten, wenn ihnen ein Roman gelungen ist. In den USA ist jemand wie Carver auch als Virtuose der kurzen Form zu Ruhm gelangt. Dort würde Sarah Meyer-Dietrich eine große Karriere bevorstehen.

 
 

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