„La isla minima“: Im Würgegriff der Vergangenheit

Sascha Westphal
Alberto Rodríguez’ Film „La isla mínima – Mörderland“
Alberto Rodríguez’ Film „La isla mínima – Mörderland“
Alberto Rodríguez’ Film „La isla mínima – Mörderland“ führt in die Zeit nach der Franco-Diktatur – ein filmisches Panaroma der spanischen Gesellschaft im Spätsommer 1980.

Fünf Jahre sind seit dem Tod von General Franco vergangen. Aber die junge Demokratie hat sich längst noch nicht festigen können, weder in den Köpfen noch in den Herzen der Menschen. Das hat auch der noch recht junge Polizist Pedro schmerzlich erfahren müssen.

Nachdem er in einem offenen Brief das Militär stark kritisiert hat, ist er praktisch aus Madrid verbannt. Nun soll er zusammen mit einem älteren Kollegen, der allem Anschein nach auch in Ungnade gefallen ist, in der andalusischen Provinz, im Marschland des Guadalquivir-Deltas, ermitteln.

Politik und Polizeiarbeit lassen sich in Alberto Rodríguez’ „La isla mínima – Mörderland“ von Anfang an nicht eindeutig trennen. Der Fall, auf den Pedro (Raúl Arévalo) und sein neuer Partner Juan (Javier Gutiérrez) angesetzt werden, sieht zunächst nach Routine aus. Zwei Schwestern, 17 und 15, sind verschwunden. Es heißt, sie wollten schon lange weg aus dieser Gegend, die vom Armut und Engstirnigkeit geprägt ist. Außerdem hatten sie den Ruf, nicht gerade vorsichtig in der Wahl ihrer Freunde zu sein. Dann werden ihre verstümmelten Leichen gefunden.

Pedros und Juans Ermittlungen weiten sich schon bald zu einem Panaroma der spanischen Gesellschaft im Spätsommer des Jahres 1980 aus. Alberto Rodríguez taucht tief in die Welt der armen Fischer und Farmer, die sich in dieser sumpfigen Landschaft kaum über Wasser halten können und sich nicht selten in illegale Geschäfte flüchten. Die Armut und die bleiernen Jahre der Diktatur haben ein Klima latenter Aggressivität geschaffen, in dem Drogenhandel und Pornografie, Missbrauch an Minderjährigen und brutale Gewalt perfekt gedeihen.

Aber auch die aus Madrid kommenden Polizisten können sich kaum aus der Umklammerung der Vergangenheit lösen, die in den Jahren nach Francos Tod verdrängt, aber nicht verarbeitet wurde. Raúl Arévalos Pedro hat seine linken Ideale. Doch die helfen ihm in der Wirklichkeit nicht. Es ist erschreckend und faszinierend zu sehen, wie dieser gute Polizist mehr und mehr auf die dunkle Seite abgleitet. Zunächst stoßen ihn Juans drastische Methoden noch ab. Doch mit der Zeit wird er diesem von seinen Dämonen gejagten Mann Schritt für Schritt ähnlicher.

Spannung und grandiose Bilder

Dieser Wandel ist noch spannender als die an sich schon extrem spannende Krimihandlung. In grandiosen Bildern, die auf der einen Seite die leere Weite des Guadalquivir-Deltas äußerst stimmungsvoll einfangen und auf der anderen die Enge des Lebens dort fast schon körperlich erfahrbar machen, zeichnet Alberto Rodríguez ein nuanciertes Bild einer Gesellschaft, die angesichts ihrer Vergangenheit erstarrt ist. Was einmal war, wirft einen dunklen Schatten über alles und taucht selbst Juans absolute Loyalität zu seinem Partner in ein düsteres Licht.