Kurz vor dem Krieg

Recklinghausen..  „Die deutsche Lust am Jubiläum“, wie der Dramatiker Oliver Bukowski es nennt, hat ihm immerhin einen Arbeitsauftrag eingebracht. Die Ruhrfestspiele haben bei ihm ein Stück bestellt, das sich mit dem Vorkriegsjahr 1913 beschäftigen sollte, einer spannenden Zeit jugendlichen Aufbegehrens und künstlerischer Vielfalt, das uns auch schon Bücher von Christian Kracht („Imperium“) und Florian Illies („1913“) beschert hat. Da will Bukowski nicht hintanstehen: In „Wer ist die Waffe, wo ist der Feind“, uraufgeführt in Koproduktion mit dem Wolfgang Borchert Theater in Münster, hat er alles hineingestopft, was er sich bei seinen Materialgrabungen angeeignet hat.

Das ist schier zu viel für ein Stück dieses bescheidenen Ausmaßes, das uns hübsch abgezirkelt vier junge Menschen präsentiert, die alle für unterschiedliche gedankliche Ausrichtungen stehen. Da ist der proletarische Chauffeur Wilhelm, der Bohemien und Kunstmaler Karl, da sind die großbürgerlichen Geschwister Thea und Klaus, Sprösslinge eines Vaters, der sein Geld mit sicher nicht ganz redlichen Mitteln in den Kolonien gemacht hat. In der doch sehr brav wirkenden Inszenierung von Meinhard Zanger verbringt man viel Zeit mit diesem Quartett, das nun, nicht selten im Duktus eines Leitartikels, all das ausbreiten muss, von dem Bukowski meint, dass es wichtig war.

Angefangen beim „Freideutschen Jugendtag“ am Hohen Meißner über Frauenrechtlerinnen bis hin zum Futuristischen Manifest, von Nietzsche über Marx bis zu Gustav Klimt wird alles heruntergebetet, was damals jungen Menschen wichtig klang. Eine dramatische Entwicklung will sich nach all diesem „Name dropping“, das selbst gute Schauspieler kaum mit Leben erfüllen können, erst sehr spät einstellen. Sie beginnt damit, dass Thea und Klaus nach der Lektüre eines Buches über Massenmorde in Afrika die reine Weste des Herrn Papa stark anzweifeln. Und schon ist auch die Frage wieder da, ob Mutter tatsächlich derart geistig krank war, dass Vater sie in die „Klapse“ hat einweisen lassen müssen.

Da möchte ein Familiendrama schlüpfen, das nie ausgebrütet wurde und das ohne Dramatik bleibt. Dafür haben wir plötzlich Krieg, Vater trägt wieder die alte Uniform. Auf einmal ist aller Hader vergessen und es drängt die jungen Männer zu den Waffen. Entweder ist das eine Übersprungshandlung – oder aber das Jungvolk ist noch so besoffen von seinen kulturellen Schwärmereien, dass es nicht weiß, was es tut. Von Bukowski derart bizarr angepapptem Stück-Finale aber darf man Erhellung nicht erwarten.

 
 

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