Kunsthalle Bielefeld zeigt Niklas Luhmanns Zettelkasten

Der berühmte Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann sammelte und sortierte seine Ideen und Gedanken auf Karteikarten. Zu sehen gibt es die rund 90.000 DIN-A-6-Zettel in der Ausstellung "Serendipity - Vom Glück des Findens".
Der berühmte Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann sammelte und sortierte seine Ideen und Gedanken auf Karteikarten. Zu sehen gibt es die rund 90.000 DIN-A-6-Zettel in der Ausstellung "Serendipity - Vom Glück des Findens".
Foto: dpa
In der Ausstellung "Serendipity - Vom Glück des Findens" ist der Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann zu sehen - rund 90.000 Zettel mit Notizen.

Bielefeld.. Wie ein Schrein mit einer kostbaren Reliquie stehen die 24 Karteikästen unter einer großen Plexiglas-Haube mitten im Foyer der Kunsthalle Bielefeld. Und tatsächlich ist der legendäre Zettelkasten des 1998 gestorbenen Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann fast so etwas wie der Heilige Gral der Sozialwissenschaften. In der Kunsthalle ist er vom 11. Juli bis zum 11. Oktober als eines der zentralen Exponate der Ausstellung "Serendipity - Vom Glück des Findens" zu sehen.

"Serendipity" ist ein Fachausdruck für das zufällige Entdecken einer Sache oder Finden einer Idee, nach der man ursprünglich gar nicht gesucht hat, die sich aber als neu und überraschend entpuppt. Kolumbus zum Beispiel entdeckt Amerika - hat es aber gar nicht gesucht.

Zu genau solch überraschenden, neuen Erkenntnissen führte der Zettelkasten seinen Schöpfer Niklas Luhmann: Auf rund 90.000 DIN-A-6-Zetteln notierte der Gelehrte während seiner mehr als 40-jährigen Forschungen Gedanken und Ideen und ordnete sie nach einem ausgeklügelten System in die hölzernen Kästen ein. Mit Querverweisen versehen entstand eine Datenbank, die den Nutzer von der ursprünglichen Notiz aus quer durch unterschiedliche Themenbereiche leitet. So ergeben sich inhaltliche Verbindungen, die man ohne die Systematik nicht entdeckt hätte.

Verlinkungen bevor es "Links" gab

"Im Grunde ist das nichts anderes als eine analoge Datenbank, die schon mit der Idee der Verlinkung gearbeitet hat, bevor es den Begriff überhaupt gegeben hat. Heute würde Luhmann natürlich eine Computer-Datenbank benutzen", erklärt dazu Johannes Schmidt von der Universität Bielefeld. Der Soziologe und Luhmann-Schüler erforscht den Zettelkasten seit 2011 und hat die Ausstellung mitgestaltet.

Wie eine ganz ähnliche Systematik als Grundlage eines Kunstwerks dienen kann, zeigen die "Speicher" des Fotografen Jörg Sasse. In den wie überdimensionale CD-Ständer aussehenden Gestellen lagern Hunderte von gerahmten Fotografien, die mit Kodierungen aus Buchstaben und Zahlen beschriftet sind. Sie verweisen darauf, welche Motive zueinander passen.

Die Besucher können zwischen mehreren Möglichkeiten wählen und auf diese Weise kleine individuelle Ausstellungen zusammenstellen, die mit zahlreichen Überraschungen aufwarten. So gibt es Kombinationen, bei denen die Motive nichts miteinander zu tun haben - bis auf die Tatsache, dass sie zur gemeinsamen Kategorie "Äste am Bildrand" gehören.

Grenzgang zwischen Wissenschaft und Kunst

Ein Sehvergnügen, das jeder Besuchen genießen kann - auch ohne das zugrundeliegende System zu kennen. "Die Besucher müssen einfach das Bild ernst nehmen und aufmerksam sehen: Was zeigt sich da eigentlich, wenn ich wirklich hingucke?", sagt Sasse.

Auch das zeichnerische Werk des vor allem als Bildhauer bekannten Künstlers Ulrich Rückriem prägt eine strenge Systematik. So zeigt die Ausstellung eine Serie von 102 kleinformatigen Zeichnungen, in denen Rückriem ein rechteckiges Blatt Papier mit immer neuen Teilungen in Rechtecke, Quadrate und Dreiecke gliedert. "Das Faszinierende ist, dass jeder Arbeitsprozess sichtbar bleibt, weil er gemäß eines Grundsatzes Rückriems vom nachfolgenden Schritt nicht überlagert werden darf", sagt Kunsthallen-Chef und Ausstellungskurator Friedrich Meschede. "Deshalb kann der Betrachter die Werke durch genaue Betrachtung analysieren und sich eigenständig erschließen."

Der Kunsthalle gelingt mit der Ausstellung "Serendipity" ein gekonnter Grenzgang zwischen Wissenschaft und Kunst. Und mehr als das: Die drei unterschiedlichen Positionen werden in ein übergeordnetes Netzwerk zusammen geführt, in dem die Besucher jeder Menge Ideen und Querverweisen folgen können - und so manchen Moment des glücklichen Findens erleben. (dpa)

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