Kunst-Meisterschaft bietet Graffitis für die Nase

Die Deutsche Meisterschaft Kunst im öffentlichen Raum 2010 findet in Recklinghausen statt. Sie zeigt sich etwa in Performances wie dem Warten vor verschlossener Rathaus-Tür mit der Künstlerin Inga Krüger. Foto: Lutz von Staegmann / WAZ-FotoPool
Die Deutsche Meisterschaft Kunst im öffentlichen Raum 2010 findet in Recklinghausen statt. Sie zeigt sich etwa in Performances wie dem Warten vor verschlossener Rathaus-Tür mit der Künstlerin Inga Krüger. Foto: Lutz von Staegmann / WAZ-FotoPool
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Recklinghausen.. Es gibt Meisterschaften in vielen Disziplinen. In sportlichen natürlich, aber auch im Kirschkernweitspucken, Dauerpfahlsitzen oder Chilischoten-Wettessen. Jetzt gibt es auch noch eine „Deutsche Meisterschaft Kunst im öffentlichen Raum“. Ausgetragen wird sie zurzeit in Recklinghausen.

Als harter Fünfkampf unter acht Finalisten. Die messen sich in Disziplinen wie „Performance vor Passanten“, „Freestyle“ oder „Vandalismus“. „Das ist doch nicht seriös“, reagierte pikiert eine seriöse Künstlerin auf die Ausschreibung der beiden Projekt-Manager und Künstler Michael Pohl (29) und Peter Schloss (35). Natürlich ist dieser Wettstreit nicht seriös, sondern schräg, absurd, ironisch, augenzwinkernd, aber durchaus ernst zu nehmen.

Die erste Deutsche Meisterschaft in Sachen Kunst ist Teil des Kulturhauptstadtprojektes „Emscherkunst“ und wird ausgerichtet von der Kunstakademie Münster. Die hat für einige Monate eine Dependance direkt am Recklinghäuser Stadthafen installiert, das „Goldene Dorf“ mit sieben gold lackierten Wohnwagen. Hier leben und arbeiten auch die acht Kunst-Wettkämpfer.

Es geht nicht ums Gewinnen

Ausgeschrieben in Kunstzeitschriften, auf Plakaten und im Internet bewarben sich bundesweit 20 Künstler um die Teilnahme, eine Fachjury bestimmte die Finalisten. Darunter zum Beispiel die 25-jährige Mainzer Kunststudentin Michèle Fahl, der’s gar nicht ums Gewinnen geht: „Mir ist der Austausch wichtig, die Chance, mal über den eigenen akademischen Tellerrand schauen zu können.“

Jeden Tag ist ein anderer Stadtteil Austragungsstätte des Wettkampfs. Das Publikum immer hautnah mit dabei, mal freiwillig, oft unverhofft. Mal begeistert, mal empört.

Auch „Vandalismus“ ist eine Disziplin, aber nur im Spaß

Wie beim Beitrag eines Finalisten in der Disziplin „Vandalismus“. Künstler Anton Steebock (26) stellte als Postbote einigen überraschten Hausbesitzern ein Päckchen zu. Inhalt: Ein „offizielles“ Schreiben der Kreisverwaltung mit der Aufforderung, mit der beiliegenden Spraydose den Namen des Hauseigentümer gut leserlich an die Fassade zu sprühen. Damit nicht genug: „Falls vorhanden, sollten Graffiti-Schmierereien, die sich auf Fassade oder nahe liegenden Objekten befinden, zudem zusätzlich mit der beiliegenden Spezialfarbe umrandet werden.“ Eine Idee, die den Bock zum Gärtner macht, der sonst durch Sprayaktionen Geschädigte wird hier selbst zum Vandalismus animiert.

Eine witzige, hintergründige Performance, allerdings mit Folgen. Gesprüht hat zwar niemand, sich dafür aber bei der Kreisverwaltung beschwert über das Schreiben. Aus dem Kreishaus kam prompt die Warnung an die Bevölkerung: Das Schreiben sei eine Fälschung, man solle auf keinen Fall sprayen. Und außerdem behalte man sich strafrechtliche sowie zivilrechtliche Schritte gegen den Verursacher vor. Der hat sich inzwischen sicherheitshalber im Kreisamt für die Amtsanmaßung entschuldigt.

Der doppelte Sperrmüllhaufen

Für einen Überraschungseffekt sorgte auch der Aachener Jens Brouwers (38), der im Abstand von 200 Metern zweimal den absolut identischen Sperrmüllhaufen auf die Straße stellte. Oder Inga Krüger, die mit Parfum an Hauswände sprühte, Graffitis, die man nicht sehen, nur riechen konnte.

Oder Sabine Huskiewics, die sich eine Perücke falsch herum über den Kopf zog und mit behaartem Gesicht durch die Gegend marschierte. Reaktion eines Spaziergängers, als zufällig ein Martinshorn ertönte: „Gottseidank wird die endlich abgeholt!“

  • Zu einer echten Meisterschaft gehört natürlich auch eine echte Siegerehrung. Mit Pokal, Urkunde, Scheck und Treppchen. Der deutsche Meister Kunst im öffentlichen Raum wird am heutigen Samstag um 18 Uhr im „Goldenen Dorf“ am Stadthafen gekürt. Der erste Platz ist mit 1000 Euro dotiert, der zweite mit 700, der dritte mit 500 Euro. Und am Ende mag vielleicht auch mancher Schein-Vandalismus-Geschädigte denken: „Kunst ist, wenn man trotzdem lacht.“

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