Komiker Tobi Katze verschreibt Humor als Antidepressivum

Als selbst erkrankter Künstler schreibt Tobias Rauh über das Thema Depression. Im Rampenlicht steht der Dortmunder mit seiner Kunstfigur Tobi Katze.
Als selbst erkrankter Künstler schreibt Tobias Rauh über das Thema Depression. Im Rampenlicht steht der Dortmunder mit seiner Kunstfigur Tobi Katze.
Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services
Tobi Katze alias Tobias Rauh ist Kabarettist, Autor und Poet – und depressiv. Wie er es trotz eines weinenden Auges schafft mit dem anderen zu lachen.

Dortmund. Tobias Rauh hat seinen Dämonen den Kampf angesagt: Mit seiner Kunstfigur Tobi Katze tingelt er über die deutschen Bühnen und begegnet der Depression mit einem Lachen. Da sich der Schwermut zur Volkskrankheit entwickelt hat, trägt er den Humor wie ein Leuchtfeuer weiter. „Mich nervt es, wenn über die Depression gejammert wird, da schwingt häufig emotionale Erpressung mit“, sagt Rauh. Der Humor mache das Ganze erträglich.

Depression bedeutet emotionale Leere und Erschöpfung

Sein Buch „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ schaffte es 2015 in die Bestseller-Liste – offenbar beschreibt Rauh, was vielen unter den Nägeln brennt. Mit selbstironischen Anekdoten baut er Berührungsängste ab: Während Erkrankte sich in den Erzählungen wiederfinden, lässt er den gesunden Leser oder Zuschauer erahnen, welches Ausmaß ein Tief hat.

„Depression ist, als würde ich mir einen Besuch in der Eisdiele nur angucken“, versucht Rauh die Krankheit zu erklären. Er fühle sich in einer depressiven Phase gefühlsleer und erschöpft. Positive Gedanken könne er nicht zulassen. „Die emotionale Komponente fehlt. Es ist wie ein Film ohne Ton“, ergänzt der Autor aus Dortmund.

Pflege von sozialen Kontakten ist ständiger Drahtseilakt

Vor etwa sechs Jahren ist Rauh erkrankt. Mittlerweile kann er mit der Krankheit gut umgehen. Vermutlich zünden seine Witze genau deshalb beim Publikum, weil es sich verstanden fühlt. „Manche sehen sich ertappt, aber nicht an den Rand gestellt“, sagt Rauh. „Die Leute fühlen sich aufgehoben und merken, dass sie kein Einzelfall sind.“

Auch für den Dortmunder ist die Krankheit lange eine Krux gewesen, mit der er sich von seinem Familien- und Freundeskreis distanziert hat. Wurde der soziale Druck zu stark, musste er kreativ werden. „Ich habe Urlaube erfunden, um Termine nicht wahrnehmen zu müssen“, gibt er zu. Sogar Urlaubsbilder habe er verschickt, um den Schein zu wahren.

Heute macht er es anders: „Der ehrliche Weg ist besser, ich bekomme viel Verständnis“, sagt Rauh. Mittlerweile könne er Anzeichen für ein Tief frühzeitig erkennen und selbstreflektiert handeln. Mit Code-Wörtern wie „Ich habe Besuch vom schwarzen Hund“ schafft er sich Freiräume, denn sein Umfeld versteht genau, dass er dann Ruhe braucht.

Mit der Bühnenfigur Tobi Katze steht er auf der Bühne

Autobiographisch sind die Inhalte nicht, denn Tobias Rauh und sein Alias Tobi Katze sind nicht identisch. Zwar leiden beide an einer Depression, doch Rauh lässt Katze nur durchleben, was er selbst schon verarbeitet hat. „Die Abspaltung brauche ich. Zu persönliche Dinge kommen nicht auf die Bühne“, sagt er. Die Auftritte seien für ihn kein Mittel zur Selbst-Therapie.

Mit viel Disziplin schafft er es seine Termine wahrzunehmen und immer pünktlich auf der Bühne zu stehen „Leute verlassen sich auf mich, das hilft ungemein. Und es fühlt sich einfach nach einem sehr gut bezahlten Job an“, sagt Rauh lachend.

Schreibfluss wird durch die Depression ausgebremst

In einer schlechten Phase funktioniere das mit dem Humor trotzdem nicht so einfach, dann könne er gar nicht arbeiten. Rauh: „Mein Job sind schließlich Emotionen. Wenn es mir schlecht geht, freue ich mich über Komik, an die ich mich in einem Tief noch erinnern kann.“ Somit dauert auch die Arbeit an seinem neuen Buch länger: Es soll voraussichtlich im Herbst 2017 erscheinen. Das Thema Depression ist für ihn aber abgehakt. Jetzt widmet er sich dem Erwachsen-Sein.

Die Dämonen, die zu Alltagsbegleitern werden, kennen rund 1,6 Millionen Menschen in NRW. Deutschland- und europaweit sind gar viele Millionen betroffen – daran erinnert der Europäische Tag der Depression am 30. September. Und Rauh macht die Krankheit fassbar, zumindest ein bisschen.

 
 

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