Kokoschka und das schwierige Feld der NS-Raubkunst

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Essener Ruhrmuseums, auf dem Gelände der Welterbe-Zeche Zollverein, wo sie zur Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes sprach.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Essener Ruhrmuseums, auf dem Gelände der Welterbe-Zeche Zollverein, wo sie zur Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes sprach.
Foto: Volker Hartmann
Kultur-Staatsministerin Monika Grütters auf Zeche Zollverein zur Herkunftsforschung – und das Gesetz zum Kulturgut-Schutz, das bald vorliegen soll.

Essen.. Oskar Kokoschkas Gemälde „Pariser Platz“ war Anfang 1926 der letzte Auftrag, den der Maler von seinem Galeristen Paul Cassirer erhalten hatte — kurz darauf erschoss sich Cassirer beim Scheidungsrichter, aus Verzweiflung über die erzwungene Trennung von der Femme Fatale und Schauspielerin Tilla Durieux. Kokoschka hatte den Blick auf das Brandenburger Tor vom Adlon aus gemalt, und bis vor einem Jahr hing das Bild traditionell im Präsidenten-Büro der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Stiftung Brandenburger Tor nahm das Gemälde als Motiv für Grußkarten – doch dann keimte vor gut einem Jahr der Verdacht: Der „Pariser Platz“ fällt unter die Raubkunst der Nazis. Sie hatten es vermutlich bei der angesehen Münchner Anna Caspari beschlagnahmt, die von den Nazis 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde.

Mit diesem schockierenden Beispiel für das Ausmaß an Unkenntnis über die NS-Raubkunst eröffnete Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur im Bundeskanzleramt, die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes auf der Essener Welterbe-Zeche Zollverein; 400 Historiker beschäftigen sich dort noch bis Mittwoch mit der „Biografie der Dinge“, also mit Herkunftsgeschichten von Kunstwerken. Die will man nun, 70 Jahre nach Kriegsende, endlich ernsthaft unter die Lupe nehmen, in Museen, Bibliotheken und Archiven. Denn: „Hinter einem entzogenen, geraubten Kunstwerk steht immer das Schicksal eines verfolgten Menschen, einer verfolgten Familie“, erinnerte die Kultur-Staatsministerin.

Nicht auf die NS-Zeit beschränkt

Dass man so lange gezögert hat, mache die Erforschung nur noch schwieriger, bedauerte Monika Grütters, die zurecht für sich in Anspruch nimmt, die Provinienzforschung anders als ihrer Vorgänger wichtig genommen zu haben – nicht zuletzt unter dem Eindruck des „Schwabinger Kunstfundes“ von Cornelius Gurlitt. „Die deutschen Museen werden seit diesem Fall nicht mehr nur an ihrer Ankaufs- und Ausstellungspolitik gemessen, sondern auch an ihrem Umgang mit Raubkunst“.

NS-RaubkunstGrütters hat den Etatposten der Provinienzforschung im Ministerium auf 6 Millionen Euro erhöht; zuletzt wurden 113 000 Museums-Objekte und 785 000 Dokumente in Bibliotheken untersucht. Vor allem aber hat die Kultur-Staatsministerin innerhalb eines Jahres zusammen mit Ländern und Kommunen die Gründung des deutschen Zentrums Kulturgutverluste vorangetrieben, das in der vergangenen Woche in Magdeburg unter der Leitung des renommierten Kunsthistorikers und Museumsmanns Uwe M. Schneede seinen Betrieb mit 20 Beschäftigten aufgenommen hat. Hier, betonte Monika Grütters, gebe es auch Forschungsangebote speziell für Privatsammler und -museen, die sich der Herkunft ihrer Bilder versichern wollen.

"Antiken-Pass" könnte Handel aus Kriegsgebieten eindämmen

Dabei, betonte Monika Grütters, gehe es nicht nur um die Jahre 1933-45, man müsse auch die Zeiten des Kolonialismus mit einbeziehen, insbesondere die „human remains“ genannten menschlichen Überreste von Eingeborenen, die in Hunderten von Völkerkunde-Sammlungen der Museen lagern; für den Umgang damit hat der Museumsbund gerade neue Richtlinien vorgelegt. Grütters berichtete aber auch von Treffen mit Botschaftern aus Südamerika, die sich schon über die Bereitschaft zum Umdenken, zum Neubeginn gefreut haben, sicher auch in der Hoffnung auf Rückgaben.

Hoffnung machte Grütters auch auf ein schnelles Gesetz zum Schutz von Kulturgütern, mit dem der schwunghafte Antiken-Handel aus Kriegs- und Krisengebieten eingedämmt werden soll, eventuell sogar mit einem „Antiken-Pass“ für jedes einzelne Stück, das nach Deutschland eingeführt werden soll. Den Entwurf des Gesetzes, das drei verschiedene ältere Regelungen zusammenfassen und ausbauen soll, will Grütters noch vor der Sommerpause im Kabinett vorlegen, so dass er bis zum Ende des Jahres die Beratungen im Bundestag durchlaufen haben und Anfang 2016 in Kraft treten könnte.

 
 

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