Klee: Aber bitte mit Gefühl

Essen. Die Band Klee um Sängerin Suzie Kerstgens spielt Liebeslieder jenseits des Üblichen. Ihre sehnsuchtsvollen Melodien, die sofort ins Ohr gehen, stoßen sogar in Amerika auf Resonanz. Mit ihrem vierten Album „Berge versetzen“ könnte den Kölnern nun der Durchbruch gelingen.

freizeit-Mitarbeiter Olaf Neumann traf Kerstgens und den Keyboarder Sten Serveas zum Interview in Bremen.

Liebe und Freundschaft sind eure großen Themen. Muss man heute anders darüber singen als in den 60ern?

Suzie: Ich glaube, das kommt immer auf einen selbst an und wie man zu den Themen steht. Sicher ist die Ausdrucksweise heute eine andere. Man traut sich, Dinge direkter anzusprechen. In den 60ern war es verblümter und manchmal auch spießiger, was von Sängern nach außen getragen wurde.

Wie gut muss man sich selbst kennen, um seine Gefühlswelt in Popsongs zu transformieren?

Suzie: Ich würde eher sagen, mit jedem neuen Song lernt man sich selbst besser kennen. Ich finde es ungeheuer spannend, zu entdecken, was gefühlsmäßig in einem los ist. Unsere Texte sind zwar autobiografisch, trotzdem erkennen sich viele Leute in ihnen wieder. Wahrscheinlich, weil unsere Bilder authentisch sind.

Eine echte Freundschaft ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Wie fragil ist eine Band, die auf Freundschaft basiert?

Sten: Wir sind zwar erst im Laufe der Zeit Freunde geworden, aber ich glaube, erst dadurch ist eine so intensive gemeinsame Arbeit möglich. Ich erachte es als Vorteil, dass man sich wirklich alles schonungslos sagen kann.

Zynismus gilt als elementares Problem unserer Gesellschaft. Wollt ihr dabei helfen, ihn zu überwinden?

Suzie: Unsere Texte kommen tatsächlich ohne Zynismus und Ironie aus. Der wäre auch sehr unpassend bei Themen wie Liebe und Aufrichtigkeit. Indem man über seine Gefühle spricht, macht man sich schließlich verletzlich. Und wenn dir in solch einem Moment jemand mit Zynismus begegnet, tut es umso mehr weh. Wir möchten die Verantwortung für ein Miteinander schärfen.

Eure Songs verzaubern durch wehmütige Melodien, die sofort ins Ohr gehen. Wie entstehen die?

Sten: Melodien sind unser Steckenpferd. Wenn man aber anfängt, darüber nachzudenken, wird es unheimlich. Ich habe ein bisschen Angst, dass die Quelle versiegt, wenn ich zu tief bohre. Manchmal sitze ich am Klavier, und die Idee kommt einfach. Das ist ein erhabener Moment, auch wenn es sich letztlich nur um dreiminütige Popsongs handelt.

Euer zweites Album „Jelänger-jelieber“ erhielt überschwängliche Kritiken in den USA, und ein Parfümproduzent hat jetzt die englische Version von „Gold” für eine internationale Werbekampagne ausgewählt. Warum finden eure Songs im Ausland so viel Resonanz?

Suzie: Wir klingen nicht wirklich deutsch. Fürs Ausland sind wir deshalb wahrscheinlich besonders interessant.

Wollt ihr in Zukunft mehr englische Songs schreiben?

Suzie: Das Interessante ist, dass auf unserem US-Album nur drei englische Songs als Bonus enthalten sind. Trotzdem haben viele Amis erst nach dem dritten oder vierten Hören bemerkt, dass wir in einer anderen Sprache singen. Wir texten auf Deutsch, weil es die Sprache ist, in der wir denken. Aber wir sind da nicht festgelegt und schließen nicht aus, mal wieder englische Songs zu machen.

Unter dem Namen Ralley hattet ihr Ende der 90er erste Erfolge. Nach einem schweren Autounfall, der auf dem Weg zu einem Auftritt passierte, erfolgte die Umbenennung in Klee. War der Unfall für euch auch ein seelischer Einschnitt?

Sten: Der Unfall hat unser Leben komplett verändert. Danach hat die Band eine andere Ausrichtung bekommen. Die Unbeschwertheit war weg; als Klee sind wir hedonistischer. Solch eine Erfahrung kann man nie wieder ausblenden.

Dennoch fahrt ihr noch mit dem Bandbus zu Konzerten.

Suzie: Wir gucken uns heute aber wirklich genau an, wer hinterm Steuer sitzt, weil man wirklich sein Leben in fremde Hände gibt. Privat besitzt übrigens keiner von uns ein Auto.

Ihr engagiert euch bei der Klimaschutztour der Heinrich-Böll-Stiftung, die durch viele Städte tourt. Was kann man als Künstler fürs Klima tun?

Suzie: Etwa darauf hinweisen, dass jeder Mensch Verantwortung hat. Ich finde, man sollte mehr darüber nachdenken, was man im Alltag fürs Klima tun kann. Zum Beispiel die Waschmaschine erst dann anstellen, wenn sie voll ist, auf einen Trockner verzichten oder regionale Lebensmittel kaufen.

Klee live: 8.8. bei „Olgas Rock” in Oberhausen, Eintritt frei; 20.9. Klimaschutztour „Sonne, Wind & Wir”, Essen (Zeche Carl). „Berge versetzen”-Tour: 12.10. Duisburg (Hundertmeister), 17.10. Köln (Stollwerck), 19.10. Münster (Gleis 22). Karten (19,80 bzw. 10 € für die Klimatour) im TICKET-SHOP.

 
 

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