Klassik-Produktionen mit Weltmusik aus Bochum und Dortmund

Die Bochumer Geigerin Liv Migdal hat den österreichischen Musikpreis gewonnen und veröffentlicht gerade ihre dritte CD.
Die Bochumer Geigerin Liv Migdal hat den österreichischen Musikpreis gewonnen und veröffentlicht gerade ihre dritte CD.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
Die Bochumerin Liv Migdal mit Vivaldi, Dortmunds Knaben der Chorakademie mit Pergolesi: Zwei neue Klassik-CDs, deren Stars im Revier beheimatet sind.

Ruhrgebiet. Man muss kein Ruhr-Patriot sein, um sich vor Liv Migdals Kunst zu verneigen. Langsam, aber stetig geht die Karriere der Bochumer Geigerin voran. Ihr jüngstes Album „8 Jahreszeiten“ wird sie im Herbst in Berlins Philharmonie führen, eine erste Adresse – die große Begabung hat sie verdient.

Selbst wenn sie nicht den Mount Everest violinistischer Herausforderung bilden: An Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ kommt kein großer Geiger vorbei. Liv Migdal hat im glasklar artikulierenden Deutschen Kammerorchester Berlin einen Traumpartner für ihr Spiel gefunden. Den Jahreszeiten schenken sie gemeinsam charakterscharf, oft betörend schön, aber nicht selten auch mutig schroff einen gewaltigen Horizont an Ausdrücken.

Und mit welcher Tiefe die 28-Jährige alles Barock-Dekorative in dieser Aufnahme überwindet! Man höre nur, wie sie im Adagio des Sommers weit mehr zu illustrieren weiß als die drückende Glut – ein weit atmender Moment der Transzendenz. Liv Migdals Vivaldi hat grüblerische Farbe, aber auch kecke (oft wird spritzig „kurz“ gespielt), überbordende. Das Gegenteil einer abgeklärten Werk-Erkundung – und das ist gut so. „8 Jahreszeiten“? Werden es durch Astor Piazzolla. Die Desyatnikov-Bearbeitung für Violine und Orchester seiner argentinischen Jahreszeiten schenkt der CD ein rasantes Finale. Liv Migdal und den Berlinern glückt eine pulstreibende, üppig energiegespeiste und dabei doch sehr subtile Reise zu und durch Piazzollas’ Buenos Aires.

Vivaldi/Piazzolla: 8 Jahreszeiten. Liv Migdal, Deutsches Kammerorchester Berlin. CD erschienen bei Solo Musica/Vertrieb Sony.

Viele Knabenchöre sind stolz auf ihre jahrhundertelange Tradition. Der vor erst 16 Jahren gegründete Knabenchor der Chorakademie Dortmund kann da nicht mithalten. Was Qualität und individuelle Prägung des Chores angeht, brauchen sich die Dortmunder Knaben jedoch nicht hinter den Traditionschören zu verstecken. Im Gegenteil: Chorleiter Jost Salm bevorzugt kleine Besetzungen und fördert die solistischen Talente jedes Mitglieds.

Herausragende Begabungen, wie sie der Sopranist Tizian Geyer oder der Knabenalt von Sven Wagner erkennen lassen, haben ihn sogar zu dem Wagnis animiert, Pergolesis „Stabat Mater“ ausschließlich mit Knaben aufzuführen. Ein Werk mit zwei anspruchsvollen Solopartien, die ursprünglich gestandenen Kastraten zugedacht waren und heute selbst Primadonnen und Countertenören einiges abverlangen.

Auf den ersten Blick reizt der androgyn reine Klang der vorzüglich geschulten Knabenstimmen. Ein Hauch von Unschuld überzieht das ernste Werk.

Auf Dauer macht sich freilich die naturgemäß begrenzte Modulationsfähigkeit der Knabenstimmen bemerkbar und die Unschuld schlägt in Bravheit um. Angesichts der gesangstechnischen Schwierigkeiten keine Überraschung. Die mit zwölf Stimmen besetzten Chorpartien bestechen dagegen durch ihre agile Flexibilität.

Starke Talentprobe des Knabenchors

Ergänzt wird das Schlüsselwerk von Pergolesi durch eine schlichte, aber klanglich aparte Messe von Johann Valentin Rathgeber und ein „Klaglied“ von Dietrich Buxtehude, das der Knabensopran Yorick Ebert mit beachtlicher Legato-Kultur makellos zum Klingen bringt. Insgesamt eine ausgesprochen interessante Talentprobe eines Chores, der ungewöhnliche und mutige Wege einschlägt.

Pergolesi, Stabat Mater u.a.. Knabenchor der Chorakademie Dortmund, Jost Salm, CD erschienen beim Label Rondeau/Vertrieb Naxos.

 
 

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