Kirschgarten mit Slapstick-Einlage

Tanz den Kirschgarten: Spielszene aus dem Kölner Schauspielhaus.  Foto: Sebastian Hoppe
Tanz den Kirschgarten: Spielszene aus dem Kölner Schauspielhaus. Foto: Sebastian Hoppe
Foto: Sebastian Hoppe waz

Köln. Leerlauf in der Lebens-Manege: Karin Henkel inszeniert Anton Tschechows „Kirschgarten“ am Kölner Schauspielhaus mit viel Musik, robustem Witz und akrobatischen Einlagen.

So früh hat man in Tschechows „Kirschgarten“ schon lange nicht mehr Schwarz gesehen. Gleich zu Beginn ist die Bühne des Kölner Schauspielhauses von Erdklumpen bedeckt (Bühne: Kathrin Frosch), als wäre das Landgut der bankrotten Ranjewskaja bloß noch ein Friedhof der untergegangenen Ideale und beerdigten Hoffnungen. Grün ist hier nichts mehr, kein Busch, kein Kirschbaum, schon gar nicht die Hoffnung.

Dass auf den Gräbern der vergangenen Glanztage trotzdem getanzt wird, liegt in der Rezeptionsgeschichte des Stückes. Der „Kirschgarten“, so hat es der Autor schon bei der Uraufführung 1904 betont, soll eine Komödie sein. Und Regisseurin Karin Henkel hat sich dieser Lesart in der sprachlich-robusten Fassung von Elisabeth Plessen so entschlossen verschrieben, dass alle hier ständig über ihre eigenen Füße fallen, reihenweise umkippen und verunglückte Purzelbäume schlagen. Dieses sehr körperliche, fast slapstickhafte Tschechow-Spiel weiß das Kölner Ensemble stellenweise virtuos zu bedienen: mit tapsigem Humor, artistischem Spagat und circensischem Übermut in dieser großen, leeren Lebens-Manege mit ihrem kleinen, mittigen Podest, auf dem zwei Musiker der russischen Gesellschaft tüchtig einheizen.

Und doch vermisst man in ihrem hochtourig auf der Stelle drehenden Spiel nach einer Weile so etwas wie ein Innehalten, ein Störmoment in der ratternden Motorik des Wohlstands-Wahnsinns und Realitäts-Überdrusses, den diese lebensuntüchtige Landgesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts bereits verkörpert wie keine andere. Das Geld ist ausgegeben, das Gut überschuldet. Und das Leben auf Pump scheint uns heute so gegenwartsnah wie der neureiche Aufsteiger Lopachin, den Charly Hübner herrlich hemdsärmlig mit zupackendem Pragmatismus und pinkfarbenem Polohemd spielt. Einer der weiß, wann man investieren muss und mit welchem Profit. Ein Realist, zweifellos, kein Utopist, die Tschechow bestenfalls liebenswert, aber immer auch ein bisschen komisch erschienen.

Hoher Traviata-Ton

Und so darf in pausenlosen 130 Minuten viel gelacht werden. Über den schlecht frisierten Bummelstudenten Trofimow (Jan-Peter Kampwirth) und seine hochfahrenden Reden. Über Ranjewskajas weichlichen Bruder Gajew (Matthias Bundschuh) in seiner Saint-Exupéry-Anmutung. Über Verlobungsküsse, die ins Leere gehen, weil Liebe in dem Spiel der ungleichen Kräfte auch nichts mehr retten kann.

Lina Beckmanns herzlich-verschmähte Warja ist dabei ein schöner, zupackender Kontrast zur feingliedrigen und hochnervigen Ranjewskaja von Lena Schwarz, die den hohen Ton der Traviata bis zum Untergang hält.

„Auf in ein neues Leben“, rufen am Ende alle und rennen ziellos vom Irgendwo ins Nirgendwo. Spätestens in dem Moment, wenn sich der hektische Leerlauf endgültig als Stillstand offenbart, in dem Aufbruch kein Ausbruch mehr sein kann aus dem starren Korsett der Lebensunbeweglichkeit, wird offenbar, dass der alte Konstantin Stanislawski, der den „Kirschgarten“ 1904 zur Uraufführung brachte, eben doch nicht ganz falsch damit gelegen haben kann, als er die Tragödie sah.

Jubelnder Applaus!

 
 

EURE FAVORITEN