Wie Angelina Jolie in „Salt“ die Welt retten will

Martina Schürmann

Essen.  Laufen, schießen, die Welt retten: Angelina Jolie hat einen neuen Job in Hollywood. Als knallharte CIA-Agentin Evelyn Salt macht sie den Kerlen Konkurrenz. Eigentlich sollte Tom Cruise die Rolle spielen.

Gut möglich, dass die Herren Craig und Damon in diesen Tagen ein bisschen unruhiger schlafen. Denn in Hollywood wird gerade kräftig an ihrem Agenten-Stuhl gesägt. Von einer Frau. Dass der Begriff „Powerfrau“ für Angelina Jolie praktisch erfunden worden ist, war ja schon länger offensichtlich, nicht nur dank ihres markigen Auftretens als Computerspiel-Sirene Lara Croft. Auch wie tough sie die Doppelbelastung Mutter/Superstar stemmt, konnte uns dank intensiver Berichterstattung nicht entgehen. Nun ist sie auch noch Doppelagentin. Die erste Frau zudem, die so einen Actionthriller im Alleingang stemmt.

„Ich will Bond spielen“, hat Jolie irgendwann beschlossen. Vermutlich so selbstverständlich wie „Ich will sechs Kinder, den Waschbrettbauch von Brad Pitt und nebenbei die Welt retten.“ Und also hat Drehbuchautor Kurt Wimmer die ursprünglich für Tom Cruise geschriebene Figur so lange umgemodelt, bis aus Edwyn Salt „Evelyn Salt“ geworden war. Eine amerikanische Geheimagentin, die vielleicht doch für die Russen arbeitet. Oder eine Russin, die es mit den Amerikanern hält. Jedenfalls eine Frau, die mit furchtlosem Weltenretterblick von Brücken auf fahrende Lastwagen springt, die aus einem Slip und Feuerlöscher eine Rakete bastelt und bei der überstürzten Flucht über die Dächer noch schnell ihren kleinen Hund in gute Hände gibt.

Wie viele Frauen, die in eine männliche Domäne vordringen, will Jolie den Job dabei augenscheinlich doppelt und dreifach gut machen. So ist Phillip Noyces spannender Thriller eine einzige Vorwärtsbewegung; ein Rennen und Drängen, die Dynamik des immer schneller geschalteten Agenten-Hightech-Kinos aufzunehmen, mitzuhalten beim Wettstreit um die halsbrecherischsten Stunts und aberwitzigsten Crashs. Und diese bis zuletzt aufregend undurchsichtige Agentin Salt schlägt und schießt und rennt nicht nur wie Bourne und Co. Sie sieht selbst geschlagen und geschunden auch noch blendend aus.

Verwundet noch schön

Der Film-Prolog führt da gleich in ein finsteres nordkoreanisches Folter-Verlies. Da liegt eine spärlich bekleidete Frau, schmutzbedeckt und blutverkrustet: Salt. Und schon im nächsten Moment beim geheimen Agentenaustausch, ist die Aura der Unantastbarkeit wieder hergestellt. Diese Frau kann mit dem distanzierten Blick einer Zoll-Beamtin durch Ruinenlandschaften gehen.

Die eigentliche Geschichte setzt dann in Washington ein. Salt ist eine Spitzenkraft beim CIA. Verheiratet mit einem deutschen Spinnenforscher, bei dessen Besetzung offensichtlich nicht die sonst gängigen Bondpartner-Kriterien angelegt wurden. Nichts gegen den jungenhaften Charme des deutschen Schauspielers August Diehl. Aber dass eine Frau vom Kaliber Salt für diesen soften Mann mit dem Sowi-Lehrer-Bärtchen töten könnte, will man nicht ganz glauben. Anlässe zum Killen bekommt sie allerdings auch so noch genug.

Als ein etwas heruntergekommener KGB-Agent in der CIA-Zentrale plötzlich nämlich etwas von russischen Schläferagenten erzählt, die nun gekommen sind, um den russischen Präsidenten in Amerika zu töten und damit die alten Fronten wieder aufzumachen, ist der Film da, wo sich schon lange kein Agentenfilm mehr hinbegeben hat: mitten im Kalten Krieg, unter dem Damoklesschwert der atomaren Bedrohung. Und Salt, die Verbrecher-Jägerin, ist fortan eine Gejagte. Vielleicht ist sie auch Auftragskillerin, Bombenlegerin, Retterin oder Verräterin, eine Gesandte oder Fehlgeleitete. Wie bei einer russischen Matroschka-Puppe steckt unter der gleichen makellosen Fassade doch immer wieder eine andere Figur.

Der Film spielt dabei auf sehr behände Weise mit dem Positionen-Pingpong und gibt Angelina Jolie ausgiebig Gelegenheit, ihre Absatzschuhe in die Hand zu nehmen und loszulaufen. Salt rennt, bis die Lungen rasseln. Hechtet wie eine Katze von Autodach zu Autodach. Wird festgenommen und flieht wieder, stürzt von Dächern und aus Hubschraubern.

Dass Angelina Jolie vom Schießen und Springen dabei noch lange nicht genug hat, kann man in der Schlusssequenz leicht erkennen. Fortsetzung folgt. Die Herren Cruise, Craig und Damon dürfen weiter Baldrian schlucken.