Liebe auf den dritten Blick

Einer der bedeutendsten Science-Fiction-Filme erscheint anlässlich des Jubiläums am 7. Dezember als DVD-Paket mit Luxusausstattung. Redakteure der WAZ-Mediengruppe erklären ihr ganz persönliches Verhältnis zu dem Meisterwerk.

Einsamkeit tropfte von der Decke

Science Fiction – machte mich nicht an. Selbst, als 1978 die „Star Wars”-Raumschiffe in bis dahin ungesehener Perfektion über die deutschen Leinwände zischten, blieb ich ungerührt, während meine Sitznachbarn Bauklötze staunten. Ferne Welten – zu fern, fremd und kalt für mich. Bis dann meine Freundin von einem kühlen Weißblonden schwärmte, den ich unbedingt kennen lernen müsste. Die Szene, in der die einsame, austrainierte Gestalt eine weiße Taube aufsteigen ließ, sei einfach atemberaubend ergreifend. Rutger Hauer hieß der Typ – nie gehört; der Film „Blade Runner” – ausgerechnet Science Fiction.

Wir fuhren in ein altes Ruhrgebiets-Kino. Und saßen allein da. Oben, auf der Empore. Unten, im Zuschauerraum, waren bereits die Sitze weggeräumt; trauriges Ende einer Kinoära.

Und während es durch die undichte Kino-Decke tropfte, tauchte ich ein in die verregnete, dampfende Welt von „Blade Runner”. So sehr habe ich mich nie wieder mitten im Film gefühlt. Und die Einsamkeit der „Blade Runner”-Androiden kroch mir in diesem großen, verlassenen, verrottenden Zuschauerraum geradezu unter die Haut.

Der Weißblonde samt Taube war tatsächlich eine Sensation, Harrison Ford erschien mir gegen ihn wie eine Fußnote. „Blade Runner” habe ich danach jahrelang gemieden. Aus Angst, das Erlebnis zu schmälern. Noch heute weiß ich, wie jener Kino-Abend roch.

Michael Vaupel

Ein Ende mit Schrecken

Also gut: Auch ich gehöre zu jenen, an denen der „Blade Runner” zunächst vorbei gelaufen ist. Zu schleppend und versponnen erschien das Original. Heute wirkt dieser Eindruck so falsch wie die eingepflanzte Erinnerung der Film-Replikanten.

Den Sinneswandel bewirkte – wie könnte es hier anders sein – der große Regen. Dieser überfiel Mitte der 90er Jahre eine Open-air-Zusammenkunft irgendwo im Ruhrgebiet. Die Party platzte, der Wolkenbruch spülte uns nach Hause, wo der Fernseher Trost spendete. Es lief (oh, nein) der „Blade Runner”.

Es lag nicht am Alkohol, dass der Director's Cut uns diesmal wärmend in seine Arme schloss. Er sparte nicht nur an Deckards Kommentar aus dem Off, er ließ auch ein anmutiges Einhorn durch eine Traumsequenz laufen, die auf den ersten ungläubigen Blick nicht unpassender sein konnte in diesem futuristischen, regendurchtränkten Moloch aus Stahl, Scheinwerfern und babylonischem Stimmengewirr. Für den fantasiebegabten Filmbetrachter wies das Hörnchen den Weg zur Auflösung. Im Gegensatz zum Original mit seinem deplatzierten Happy End verschonte der Director's Cut die Logik.

Und wer Deckards Träumerei mit dem Origami-Einhorn aus der Schlusssequenz verknüpft, erschrickt: Der gute „Blade Runner” ist ein Replikant. Aber sehen Sie selbst . . .

Heiko Kruska

Neon, Angst und Hoffnungslosigkeit

Dies ist die Essenz der 80er, erschaffen in einem Moment, in dem das Jahrzehnt selbst noch nicht wusste, was es gebären würde. Dies ist Neon, Stein und Glas, ein kalter Schein in einer Welt, die dunkel ist, die herzlos ist, die hoffnungslos ist. Dies ist „Blade Runner” und nur an der Oberfläche eine Geschichte aus dem Jahr 2019. Darunter liegen unsere Ängste vor der Zukunft, jene, die wir 1982 hatten, jene, die wir 2007 haben, Ängste davor, dass ein Menschenleben nichts wert ist, dass wir genetisch manipuliert werden, dass all unsere schönen Erinnerungen vielleicht nur eingebildet sind.

„Blade Runner” ist ein Trip zurück in die Zukunft der 80er, als der Glaube an die Allmacht der Technik sich längst umgekehrt hatte in die vage Befürchtung, dass die Technik eines Tages uns beherrschen könnte.

„Blade Runner” war wie geschaffen für ein kleines, altes Kino in meiner Heimatstadt, das nun längst einer Schicki-Kneipe gewichen ist. Für düstere Regenabende, in denen die Leuchtreklame des China-Restaurants sich in den Pfützen auf dem Asphalt spiegelte. Für Menschen, von denen mir viele nicht sympathisch waren, obwohl ich mit ihnen gemeinsam die zynischen Kommentare des Rick Deckard bewunderte. So ist das: Zyniker sind unsympathisch, selbst für andere Zyniker.

„Blade Runner” erzählt davon, dass man nicht allein bleiben will, egal, wie wenig Zeit bleibt. Deshalb kehre ich immer wieder zurück nach L.A., 2019.

Georg Howahl

Eine späte, aber ewige Freundschaft

Wir mochten uns zunächst gar nicht. Zum ersten Mal begegnete ich „Blade Runner” daheim auf dem TV-Bildschirm, ausgeborgt für eine Nacht als VHS-Kassette beim Videoverleiher des Vertrauens. Doch Zugang wollte mir dieses sperrige Werk nicht bieten. Harrison Ford war zwar als Han Solo mein absoluter „Star Wars”-Held. Als Trenchcoat tragender Polizist der Zukunft ließ mich sein Schicksal aber kalt.

Trotzdem gab es ein Wiedersehen. Warum? Ich weiß es nicht. Aber ab Wiederholung Numero eins wurden der Film und ich Freunde. Spät zwar, dafür auf ewig. Vielleicht waren es die Bilder einer Feuer speienden Stadt oder die sphärischen Synthie-Klänge von Vangelis, die mich fesselten. Oder waren es die mit Senkrechtstarter-Funktion ausgestatteten Polizeiautos? Oder doch die großen Fragen, die dieser Film aufwirft und denen sich jeder Sterbliche in seiner begrenzten Existenz stellen muss: Wer bin ich? Wieviel Zeit bleibt mir noch? Wohin gehe ich? All das wollte ich noch einmal sehen. Und noch einmal. Und noch einmal. . .

Als der Film als „Director's Cut” 1992 erneut in die Kinos kam, war ich erschlagen von der Pracht, mit der sich die längst vertrauten Bilder da auf Großleinwand breit machten. Und mit welcher Wucht sie mich trafen. Seine spektakulärste Vorführung erlebte ich aber im Open-air-Kino des Duisburger Landschaftsparks Nord. Das Ex-Hüttenwerk bei Nacht und die Kulissen der Großstadt auf der Leinwand ähnelten sich derart, dass sie zu einem beeindruckend realen Gesamtbild verschmolzen.

Gestern habe ich den Film noch einmal angeschaut. Und die Vision der Zukunft aus dem Jahr 1982, sie wirkt selbst im Jahr 2007 noch immer futuristisch. Vielleicht ist dies das größte Geheimnis eines stillen Erfolges.

Thomas Richter

 
 

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