Knut welcomes Flocke (7)

Berlin. Die Leiden des deutschen Mannes. Sekundenschlaf, spontane Befreiungen und dramaturgische Wendungen, mit denen nicht zu rechnen war. Eine Woche Berlinale.

Sein Leben in finstere Kinosäle zu verlagern hat viele Vorteile. Soziale Isolation, Realitätsflucht, Perfektionierung des Schreibens in absoluter Finsternis und einen kleinen Nachteil; das Leben draußen, die wirklich wahren Probleme, rauscht spurlos an einem vorbei. So muss ich heute aus der Zeitung erfahren, dass der deutsche Mann krank ist. Noch viel kränker als bisher von mir angenommen. Unfälle, Schlafstörungen, Herzinfarkt und Impotenz. Männer gehen seltener zum Arzt, haben häufiger Leberschäden, sind latent selbstmordgefährdet und depressiv. Der eine oder Film auf der diesjährigen Berlinale mag zur Psychohygiene des jeweiligen Filmemachers beitragen, auch wenn er dem Publikum Tränen des Entsetzens in die Augen treibt.

Der Tag begann mit einem langen, edel zurückhaltenden Film aus Japan. "KABEI-Our Mother" von Yoji Yamada. Japan 1940 kurz vor dem Ausbruch des Pazifik-Krieges. Shigeru Nogami, Professor für deutsche Literatur, wird aufgrund seiner Schriften gegen den Krieg verhaftet. Seine Frau Kayo (Sayuri Yoshinaga) muss alleine für ihre beiden Töchter sorgen. Unterstützt wird sie von Nogamis Schüler Toru Yamazaki. Zäh und bescheiden meistert sie ihr Leben, das vom Verlust zahlreicher geliebter Menschen geprägt wird. Ein schöner Film der nicht weh tut und die detaillierte Beschreibung politischer Konflikte vermeidet. Für Heiterkeit sorgen von Yamazaki vorgetragenen Schumann-Lieder.

Free Yourself

Caos calmo (Quiet Chaos), Berlinale Wettbewerbsbeitrag vom italienischen Regisseur Antonello Grimaldi. Pietro Paladini (Nanni Moretti), erfolgreicher Manager in der Medienbranche, verliert durch einen Unfall seine Frau und muss sich alleine um die zehjährige Claudia kümmern. Um sie nicht im Stich zu lassen beschließt er, vor der Schule auf sie zu warten, bis der Unterricht beendet ist. Die nächsten Wochen und Monate wird er auf einer Bank, in einem kleinen Café und im Park verbringen. Hier trifft er Geschäftskollegen und knüpft zarte Bande mit den Anwohnern des Platzes. Der Film und seine Figuren entwickeln sich, die Autoren haben eine Geschichte zu erzählen, Schauspieler, denen man gerne zusieht (das könnte später noch einmal wichtig werden). In einer Nebenrolle der französische Schauspieler Hippolyte Girardot, von dem ich in "Lady Chatterley" noch annahm, er sei von der Maske sehr ungünstig auf alt geschminkt worden. Nach dem heutigen Film gibt es zwei mögliche Schlussfolgerungen: dieselbe Maske, oder der Mann sieht einfach so aus. Die Auswahl der Filmmusik hätte ein glücklicheres Händchen vertragen können, aber alles nicht so schlimm. Trotzdem schafft es der Film genau dann, wenn man nicht mehr damit rechnet, sich komplett selbst zu zerlegen und abzustürzen. Und das kommt so...

Pietros Frau stirbt beim Sturz von einer Treppe im Ferienhaus vor den Augen der Tochter. Pietro selbst war zum Zeitpunkt des Sturzes mit seinem Bruder zum Schwimmen am Meer. Die beiden amüsieren sich und retten nebenbei zwei Frauen aus den Fluten, von denen eine irgendwie nicht gerettet werden will. Auf verschlungenen Wegen trifft Pietro die Frau, die er gerettet hat, in "seinem" Park noch einmal. Von ihm erfährt sie, dass ihr Ehemann Pietro davon abhalten wollte zu ihrer Rettung zu eilen. Pietro und Tochter Claudia fahren nach Monaten wieder in das Ferienhaus um das gemeinsame Trauma zu verarbeiten. Und hier kommt es dann zur ebenso spontanen wie heftigen Begegnung von Rettungsschwimmer und Flutopfer. Wegen dieser Szenen ist "Caos calmo" in Italien heftig in die Kritik durch die katholische Kirche geraten. Vom Regisseur erfährt man in der Pressekonferenz, dass die völlig sinnfreie dramaturgische Wendung, ihre Deutlichkeit und ihre Überlänge ein Befreiungsakt der beiden traumatisierten sei. Je heftiger die Kopulation desto größer die Befreiung natürlich. Im Grunde hätte man es bei der Rettungsszene zu Beginn des Filmes schon ahnen können. Der Bikini verrutscht sehr deutlich während Moretti gegen die Fluten anschwimmt. Seine Hand landet mehrfach auf Brust und Brustwarze und genau da hat es sich entschieden: Befreiung = Brust, Brustwarze und der ganze Rest. Toll, wenn auch nicht schön anzusehen.

Schlafenszeit

Von Italien nach Frankreich, "Lady Jane" von Robert Guédiguian. Es war mir nicht möglich den Film einfach zu verlassen, weil ich zu müde war, um mich aus dem Sessel zu stemmen. Die nicht mehr ganz junge Muriel (Ariane Ascaride) betreibt eine kleine Parfümerie. Als ihr Sohn entführt wird, nimmt sie Kontakt zu ihren ehemaligen Komplizen François und René auf, die ihr bei der Beschaffung des Lösegeldes helfen soll. Die drei verbindet ein finsteres Geheimnis aus der Vergangenheit. Die Lösegeld Übergabe geht schief und die drei machen sich auf die Suche nach dem Täter. Geschichte, Umsetzung, Darsteller, nichts an diesem Film interessiert. Die Handlung ist konstruiert, die Mimik der Schauspieler ist so minimal, dass man fürchten muss, die Langeweile des Films habe sich auf sie übertragen. Vor dem Kino und auf dem ganzen Potsdamer Platz Madonna-Hysterie. Meine Emotionen wurden im Kino getötet. Ich reihe mich in die Schlange der Zombies Richtung U-Bahnhof ein und hoffe auf bessere Zeiten.

Ob Knut sich vielleicht auch befreien möchte, ich könnte ihm einen Film zeigen, der ihm zeigt wie es geht. Morgen, vielleicht.

 
 

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