„Jud Süß – Film ohne Gewissen“ mit Bleibtreu

Martina Schürmann
Küß die Hand: Propagandaminister Goebbels (Moritz Bleibtreu) bemüht sich  um Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti, Mitte) und dessen Ehefrau Anna (Martina Gedeck). © Concorde
Küß die Hand: Propagandaminister Goebbels (Moritz Bleibtreu) bemüht sich um Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti, Mitte) und dessen Ehefrau Anna (Martina Gedeck). © Concorde

Essen. In „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ erzählt Regisseur Oskar Roehler, wie der berüchtigte Propagandafilm der Nazis entstand. Tobias Moretti spielt den Süß-Darsteller Ferdinand Marian, Moritz Bleibtreu gibt den Propagandaminister Goebbels.

Die Regie-Offensive an der Führerfront hat zuletzt kuriose Blüten getrieben: Oliver Hirschbiegel sperrte Hitler in den Führerbunker, Quentin Tarantino ließ ihn noch nachträglich in einem Pariser Kino in die Luft gehen. Kann die filmische Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit noch mehr Zündstoff bieten? Oskar Roehler hat sich für die Entstehungsgeschichte des perfidesten antisemitischen Propagandafilms der Nationalsozialisten entschieden, um die gefährliche Verführungskraft der Nazis zu zeigen: „Jud Süß“, die von Veit Harlan 1939 auf Geheiß des Führers verfilmte Geschichte des jüdischen Kaufmanns Joseph Süß Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert zunächst zum Finanzberater des Herzogs aufstieg und später am Galgen endete. Der Film steht bis heute auf dem Index.

Historisch ungenau

Dass Roehler historische Originalaufnahmen verwendet und gleichzeitig auf geschichtliche Genauigkeit pfeift, ist eine Fragwürdigkeit des Films, die ihm nicht nur Friedrich Knilli vorwirft. Knilli, auf dessen Ferdinand Marian-Biografie „Ich war Jud Süß“ sich das Drehbuch bezieht, beklagt diverse Unkorrektheiten. Dass Marians Frau Katholikin war und keine Halbjüdin, wie im Film, ist nur ein Beispiel dafür, dass sich Roehler mit „Jud Süß“ - Film ohne Gewissen“ selbst einen Freifahrtsschein für alle Abweichungen ausgestellt hat. Ärgerlicher als der Versuch, Marian zum unfreiwilligen, weil persönlich erpressbaren Propaganda-Opfer zu stilisieren, ist allerdings, dass Roehlers „Jud Süß“-Bearbeitung ein Film ohne echte Haltung ist.

Waren seine Vorgänger zumindest entschieden in ihrem Vorhaben, beispielsweise den Menschen im Monster Hitler zu suchen wie in Eichingers „Untergang“ oder ihn als Witzfigur zu brüskieren wie in Dani Levys „Mein Führer“, regiert bei Roehler das beliebige „Anything goes“. Der Regisseur will alles: Authentizität und Fiktion, Gewissensdrama und wüste Kolportage. Bisweilen hat man das Gefühl, mindestens zwei unterschiedliche Filme gleichzeitig zu sehen. Während Moritz Bleibtreu den zappeligen Nazi-Kasper gibt, den aufgekratzten Operettenkönig des Dritten Reiches, so nah an der Karikatur, dass man Goebbels hier bestenfalls als Partymonster in Erinnerung behält, hinterlässt Tobias Moretti einen starken Eindruck als Marian.

Die Eitelkeit, das viele Geld und die Hybris

Ein Mitläufer mit Gewissen, dem die Eitelkeit, das Geld und die Hybris zum Verhängnis werden. Er, der meint, die Absicht des Filmes unterwandern zu können, indem er den Juden „menschlich“ macht, erreicht das Gegenteil, indem er den plumpen Hetzcharakter des Harlan-Werkes mildert. Ihm ebenbürtig Martina Gedeck als seine Ehefrau. So differenziert, so feinsinnig hier an Charakterbrüchen gearbeitet wird, so grell malt Roehler seine Szenenbilder. Die Penetration im offenen Fenster bei Bombenhagel ist da nur ein Beispiel für ein zum Teil exzellent besetztes, aber ebenso reißerisches Geschichtskino, dessen Verführungskraft nicht nur der farbentsättigten Bilder wegen matt bleibt.