"Il Divo" - Ein brillantes Politdrama

Berlin. Paolo Sorrentino porträtiert in «Il Divo» den italienischen Politiker Giulio Andreotti. Der Film ist eine faszinierende Reise in die Abgründe der italienischen Nachkriegspolitik. In Cannes gewann er den Preis der Jury, Hauptdarsteller Toni Servillo erhielt den Europäischen Filmpreis.

Auf eine faszinierende Reise in die Abgründe der italienischen Nachkriegspolitik begibt sich der italienische Regisseur Paolo Sorrentino in seiner brillanten Politsatire «Il Divo» . Überaus kenntnisreich durchleuchtet der Film den berühmt-berüchtigten Politiker Giulio Andreotti. Auf dem Filmfestival in Cannes gewann «Il Divo» den Preis der Jury. Hauptdarsteller Toni Servillo erhielt für seine Leistung den Europäischen Filmpreis.

Der 49-jährige Schauspieler, der auch schon in dem viel gelobten und mehrfach preisgekrönten Anti-Mafia-Film «Gomorrha» von Matteo Garrone eine Hauptrolle hatte, verkörpert mit frappierender Ähnlichkeit den konservativen italienischen Politiker Andreotti, der im Januar dieses Jahres 90 Jahre alt wurde. Der seit mehr als sechs Jahrzehnten in der Politik engagierte Andreotti, der sieben Mal Ministerpräsident und 33 Mal Minister war, gilt als Urgestein der italienischen Politik, aber auch als Symbolfigur für deren moralischen Niedergang.

Im Zuge der Staatskrise von 1992 geriet auch der römische Lehrersohn, der seit 1991 Senator auf Lebenszeit ist und noch immer in der Politik mitmischt, ins Visier der Justiz: In Perugia stand der Christdemokrat im Zusammenhang mit dem Mord an dem Journalisten Mino Pecorelli, der gegen die sizilianische Cosa Nostra ermittelt hatte, vor Gericht, und in Palermo wegen Mafia-Verstrickungen. 1999 endeten die Verfahren mit Freisprüchen. Eine Verurteilung durch ein Berufungsgericht im Perugia-Prozess führte zu neuen Verfahren. Diese endeten 2003/2004 mit letztinstanzlichen Freisprüchen, teils wegen Verjährung der Anklagepunkte.

Einer der gewieftesten Strippenzieher Italiens

Allein dieser spektakuläre Prozess-Marathon belegt Andreottis Ruf, einer der gewieftesten Strippenzieher Italiens zu sein, der am Ende immer straflos bleibt. Sorrentino nutzt diese schillernde Figur nicht nur für ein bissiges Politikerporträt, sondern darüber hinaus zu einer Generalabrechnung mit der politischen Elite.

Anders als der auch international sofort verständliche «Gomorrha» setzt «Il Divo» viel Wissen über die italienische Geschichte voraus. Etliche Details dürften im Ausland unverständlich bleiben, außerdem verliert man bei den vielen Figuren leicht den Überblick. Dagegen vermittelt sich die große Linie, die Schärfe der satirischen Attacke, auch einem internationalen Publikum, zumal Sorrentino den Film als temporeiche, virtuos komponierte Polit-Groteske gestaltet.

So wird die mutmaßliche Macht-Clique Andreottis, der selbst als «Eule» und «Divo Giulio» (Göttlicher Giulio) tituliert wurde, wie eine Gangsterbande mit plakativen Beinamen vorgestellt. In langen Kamerafahrten und eleganten Bildkompositionen schildert der Regisseur, wie Andreotti als unscheinbarer, bleicher Nosferatu-Wiedergänger mit Migräneanfällen in den Schaltstellen der Macht die Fäden zog. «Il Divo» ist ein provokantes Porträt und passagenweise auch eine sarkastische Politfarce, die intelligent unterhält und viel Stoff zum Nachdenken liefert. (ddp)

 
 

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