Hanna gegen den Rest der Welt

Arnold Hohmann
Dass eine 16-Jährige die Hauptrolle in einem Actionfilm spielt, kommt nicht alle Tage vor. Aber „Wer ist Hanna?“ von Joe Wright ist in mancher Beziehung anders: Schmutzige CIA-Arbeit und Märchenmotive hat man so verqickt noch nie erlebt.

Essen. Am Anfang des Films sehen wir die junge Hanna in verschneiter Einöde, die zielsicher einen Hirschen mit Pfeil und Bogen erlegt. Plötzlich wächst ein Mann hinter ihr förmlich aus dem Boden, sagt „Du bis tot“ und beide beginnen zu kämpfen. Schon bald wird klar, dass wir es hier mit Ausbilder und Zögling zu tun haben, genauer gesagt mit Vater Erik (Eric Bana) und Tochter Hanna (eine wunderbare Entdeckung: Saoirse Ronan). Aber schon jetzt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich auch um den gütigen Jäger aus dem Märchen handeln könnte, der es nicht über sich gebracht hat, Schneewittchen zu töten. Stattdessen drillt er sie nun als Kampfmaschine.

In seinem Film „Wer ist Hanna?“ mischt Regisseur Joe Wright gerne Märchenmotive in den sich abzeichnenden Thriller. Nicht nur, dass Vater und Tochter im finnischen Hinterland in einer Hütte hausen, die viel von einem Lebkuchenhaus hat. Nein, in der Behausung wartet auch ein Peilsender, der bei Aktivierung die „böse Stiefmutter“ des Films in Gestalt der kaltherzigen CIA-Agentin Marissa Wiegler (Kälte pur: Cate Blanchett) auf den Plan rufen wird. Die vornehmste Aufgabe dieser Dame wird sein, Erik und Hanna aus uns noch unbekannten Gründen zu eliminieren. Nun wissen wir, warum die Sechzehnjährige als eine Art weiblicher Kaspar Hauser vor der Welt versteckt wurde. Als sie sich ihr schließlich stellt, ist sie zwar eine perfekte Kämpferin, kann ein paar Sprachen fließend sprechen, kennt ein ganzes Konversationslexikon auswendig, ist vollgestopft mit Grimms Märchen, hat aber keinen blassen Schimmer von der technisierten Gegenwart und ihren Bewohnern.

Verwirrung und Ängste

Regisseur Joe Wright schafft nun zwar sehr schnell eine Atmosphäre latenter Spannung, drängt dem Zuschauer Fragen über Fragen auf, die einer Beantwortung harren. Trotzdem aber lässt er sich viel Zeit, um sich ganz auf die pubertierende Hanna, ihre Verwirrung und ihre Ängste einzulassen. Vielleicht macht genau das diesen Film so herausragend: Bevor es zum unvermeidlichen Showdown kommt, haben wir diese junge Frau tatsächlich kennengelernt, haben ihr Glücksgefühl erlebt, als sie im Schlepptau einer britischen Familie den Nahen Osten durchstreift. Wir haben einen scheuen Blick riskiert, als sie zum ersten Mal ihre Sexualität erfährt. Und haben mitgefiebert, als sie im orangefarbenen Sträflingsanzug (Guantanamo!) aus einem unterirdischen Gefängnis der CIA entkommt. Dass diese Organisation von Grund auf Böses in sich trägt, muss hier nicht erst bewiesen werden, das wird als bekannt vorausgesetzt.

Dem Wolfsschlund entsteigen

Es ist erstaunlich, wie realistisch dieser Film daherkommt, der doch das Märchen von Anfang an in sich trägt. Die finale Begegnung zwischen Hanna und Marissa findet denn auch im winterlichen Berliner Spreepark statt, umgeben von lauter Grimm’schen Motiven. Dort hofft Hanna auf Hilfe, muss aber erleben, dass Marissa den Hüter des Parks im Hänsel-und-Gretel-Haus bereits abgeschlachtet hat. Was macht sie so gnadenlos, was treibt sie dazu, sich ihre Zähne fortwährend blutig zu putzen? Vielleicht soll uns das vorbereiten darauf, dass Marissa, die man lange Zeit auch als Hannas leibliche Mutter in Verdacht hat, schließlich einem Wolfsschlund entsteigt, um ihren Auftrag zu vollenden.

Da sage noch einer, Actionfilme seien leere Hülsen, die nur um der Gewalt willen existierten. „Wer ist Hanna?“ beweist uns das Gegenteil.