Ein Amerikaner in Paris träumt von alten Zeiten

Marion Cotillard als Adriana und Owen Wilson als Gil in Woody Allens „Midnight in Paris“. (Foto: Concorde)
Marion Cotillard als Adriana und Owen Wilson als Gil in Woody Allens „Midnight in Paris“. (Foto: Concorde)
Foto: dapd
Woody Allen setzt seine Erkundung Europas fort. Nach London und Madrid hat er jetzt in der Seine-Metropole „Midnight in Paris“ gedreht. Gemeinsam mit seinem Alter ego, dem Drehbuchautor Gil (Owen Wilson) träumt er sich dort zurück in die 20er Jahre.

Essen.. Wenn der Name Woody Allen fällt, dann erfasst uns gleich eine Art von Nostalgie. Zugegeben, der Mann macht auch heute noch Filme, aber definiert haben wir ihn und seine Kunst doch mit den Meisterwerken der 70er und 80er Jahre – von „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten...“ über „Zelig“ bis zu „The Purple Rose of Cairo“. Nun aber verzaubert uns dieser Regisseur und Autor mit einem Film, der genau diese Glorifizierung des Alten zum Thema hat. „Midnight in Paris“ handelt von dem amerikanischen Drehbuchschreiber Gil (Owen Wilson), der so gern einen bedeutenden Roman schreiben würde, die Gegenwart jedoch nur als fade empfinden kann und sich voller Leidenschaft zurücksehnt in das Paris der 20er Jahre.

Gemeinsam mit seiner Verlobten Inez (Rachel Mc-Adams) und deren stockkonservativen Eltern ist er in die Stadt an der Seine gekommen, um das Flair zu spüren, das vor über 80 Jahren auch seine großen künstlerischen Vorbilder verspürt haben. Zu beinahe jedem Café fallen ihm Anekdoten ein, kennt er die Namen jener, die dort einst verkehrt haben. Inez hingegen sieht Paris weniger romantisch, sondern eher nüchtern als große Shopping-Meile. Und schon gar nicht möchte sie mit ihrem schwärmerischen Verlobten im Regen, wenn Paris angeblich noch schöner ist, durch kleine Gassen laufen. Das große Mysterium von Allens Film bleibt die Ausgangslage: Wie konnte aus diesen so gegensätzlichen Charakteren nur je ein Liebespaar werden?

Aber diese Ungereimtheit nimmt man gern in Kauf, wenn Gil bei einem seiner einsamen Spaziergänge durch die nächtliche Metropole plötzlich am Ziel seiner Sehnsucht angekommen scheint. Ein Taxi hält Schlag 12 Uhr neben ihm und entführt ihn in ein anderes Zeitalter, in das Golden Age der Künstler an der Seine. Schon im Taxi sitzen ihm F. Scott Fitzgerald samt Gattin Zelda gegenüber. Später wird er auf Partys und in zahllosen Lokalen Größen wie Man Ray, Gertrude Stein oder Cole Porter treffen. Salvador Dalí (Adrien Brody) hockt in einer Bar und redet ständig von einem Rhinozeros, das er überall zu sehen meint.

Hemingway schwingt machohafte Reden

Es ist eine wundersame Gesellschaft, die Woody Allen hier auffährt. Und noch wundersamer ist der Witz, den er dabei entfaltet. Der junge Luis Buñuel beispielsweise scheint hier noch weit entfernt vom Surrealismus und versteht nur Bahnhof, wenn Gil ihm als Filmidee den Inhalt von „Der Würgeengel“ anbietet, einem der größten Triumphe des späteren Filmemachers. Ernest Hemingway (Corey Stoll), immer den Alkohol vor sich, schwingt unentwegt machohafte Reden. Und Pablo Picasso wird von einer Kunstkritikerin noch kleiner gemacht, als er ohnehin schon ist.

Gil aber verliebt sich inmitten dieses Künstlervolks in die schöne Adriana (Marion Cotillard), wobei es ihn überhaupt nicht stört, dass sie nach Affären mit Braque, Modigliani und aktuell Picasso als Künstler-Muse schlechthin gilt. Man spürt beim Zusammensein der beiden, dass hier zwei Herzen im Gleichtakt schwingen, dass jeder den anderen versteht. Da ist es nur logisch, dass auch Adriana die Gegenwart nur als langweilig zu empfinden vermag und sich sehnt nach vergangener Glorie – in ihrem Fall die Belle Epoque der Jahrhundertwende.

Europa als erfolgreiche Frischekur

Wir jedoch werden durch „Midnight in Paris“ endlich aus unserem Nostalgietaumel gerissen. Allen kann, wenn er will, immer noch groß sein, vor allem, wenn er in Europa dreht. Ob London, Madrid oder jetzt Paris als Drehort, alles wirkt plötzlich frischer und entspannter als seine späten New-York-Filme. Da nimmt man sogar Präsidentengattin Carla Bruni in Kauf, deren Auftritt als Führerin im Musée Rodin nicht weiter stört.

 
 

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