„Die Liebesfälscher“ sorgen für Ratlosigkeit

Arnold Hohmann
Juliette Binoche in "Die Liebesfälscher" von Abbas Kiarostami. Foto: Alamode
Juliette Binoche in "Die Liebesfälscher" von Abbas Kiarostami. Foto: Alamode
Foto: Alamode

Essen. Abbas Kiarostamis neues Werk „Die Liebesfälscher“ erzählt die Geschichte des englischen Schriftstellers James Miller (William Shimell) und der Antiquarin Elle (Juliette Binoche). Der Film lässt den Betrachter ratlos zurück.

Um es vorweg zu sagen: „Die Liebesfälscher“ von dem iranischen Regisseur Abbas Kiarostami wird den Betrachter in seinem Verlauf derart ratlos lassen, wie das lange kein Kinofilm mehr geschafft hat. Wir kleben fortwährend an den beiden Protagonisten, aber irgendwann wissen wir nicht mehr, ob wir es mit einem lang verheirateten Paar zu tun haben, das so tut, als sehe es sich zum ersten Mal. Oder mit zwei tatsächlich Fremden, die plötzlich so tun, als seien sie seit geraumer Zeit schon mit­ein­ander liiert.

Lesereise durch Italien

Kiarostami, bei uns bekannt geworden durch Filme wie „Der Geschmack der Kirsche“ (1997) oder „Der Wind wird uns tragen“ (1999), liebt das Spiel mit den Scharaden und Vexierspielen. In seinem ersten im Ausland realisierten Film thematisiert er das Verhältnis von Original und Fälschung auf faszinierende Weise. Es beginnt damit, dass der englische Schriftsteller James Miller (der Opernsänger William Shimell in seiner ersten Sprechrolle) auf einer Lesereise durch Italien sein Buch über die Bewertung und den Stellenwert von Kopien vorstellt. In einem Ort in der Toskana zeigt sich eine hübsche Antiquarin (wunderbar wie immer: Juliette Binoche) an ihm interessiert und lädt ihn per Zettel am nächsten Tag zu einem Ausflug ein.

Neben Kiarostamis Lust am Gespräch wirken Rohmer-Filme geradezu wortkarg. Pausenlos reden die beiden bei ihrer Besichtigungstour unter der Sonne Italiens aufeinander ein, das Wort Dialoglastigkeit gewinnt bei diesem Austausch über Kunst, Originalität und Liebe eine ganz neue Bedeutung. Trotzdem geht von den beiden eine Magie aus, die schließlich auch in einem magischen Moment kulminiert: Der Wirt eines Cafés hört die beiden streiten, hält sie für ein altes Ehepaar – und plötzlich beginnen die beiden in der Tat ihre angeblich in Trümmern liegende Ehe zu analysieren.

Freudige Ratlosigkeit

Man ehre ihm die Kopie, denn selbst das Original sei im Prinzip nichts anderes als eine solche, sagt Miller zu Beginn des Films. In der Tat fallen nun rings um die beiden Seitenwechsler plötzlich Pärchen auf, die entweder gerade freudig ihren Hochzeitstag feiern oder im greisen Alter Kirchen besichtigen. Jeder hält sich für einzigartig, tatsächlich aber sehen wir Kopien vertrauter Lebensstadien. Und auch, wenn wir am Ende ratlos zurückbleiben, lassen wir uns von diesem iranischen Regisseur doch nur allzu gerne in die Irre führen.