„Der Schakal“ - ein Leiharbeiter des Terrors

Edgar Ramirez als Top-Terrorist „Carlos - Der Schakal“. © NFP (Warner)
Edgar Ramirez als Top-Terrorist „Carlos - Der Schakal“. © NFP (Warner)

Essen. Olivier Assayas Film „Carlos - der Schakal“ erzählt vom Aufstieg und Fall des einst meistgesuchten Terroristen der Welt. Die Kurzfassung dieser packenden Biographie dauert schon drei Stunden.

Noch so eine überfrachtete Revoluzzer-Oper? Noch mal ideologische Parolen, militanter Freiheitskampf und blutiger Staatsterror als actionreiches Kinospektakel verpackt? Nach Soderberghs „Che” und Eichingers „Baader-Meinhof-Komplex” schien eigentlich keiner mehr auf Olivier Assayas großen Terror-Coup „Carlos – Der Schakal” gewartet zu haben.

Und dann sammelt dieser Film nach seiner Premiere in Cannes eine Lobeshymne nach der anderen. Völlig zu recht und doch einigermaßen überraschend. Ist dieser Ilich Ramirez Sanchez, einst „meistgesuchter Terrorist der Welt“, seit seiner Verhaftung 1994 doch fast schon eine Wachsfigur im Gruselkabinett der Staatsfeinde. Über Sanchez’ Biografie hinterfragt und erklärt Assayas im Gewand eines Thrillers vieles von dem, was uns bis heute erschüttert: Den Terrorismus als globales Unternehmen, als komplexes Geflecht von wirtschaftlichen Allianzen, Geldgebern und politischen Interessen. Eine Geschichte, die Zeit braucht, um erzählt zu werden.

Die Langfassung des anfangs als TV-Dreiteiler konzipierten Projekts dauert satte 333 Minuten, in vielen deutschen Kinos dürfte „Carlos” an diesem Donnerstag als knapp dreistündige Fassung anlaufen. Dass die Zeit nicht lang wird, dafür sorgt nicht Assayas dichte, schnörkellose Inszenierung. Packende Kinokost bietet auch die deutsch-venezolanische Filmcrew mit dem charismatischen Edgar Ramirez in der Titelrolle, mit Julia Hummer als radikales Mitglied der „Revolutionären Zellen“, Nora von Waldstätten als Carlos’ porzellanhäutige Ehefrau Magdalena Kopp und dem Berliner Volksbühnen-Star Jule Böwe.

Als Drama in drei Akten hat Assayas seinen Film angelegt. Er beginnt 1973 in Paris mit einer Explosion. Ein Mann schaut unter sein Auto, fährt los und ist tot. Sein Nachfolger heißt Carlos, und dass dieser aufstiegsgeile Nachwuchsterrorist keine Skrupel kennen wird, sieht man wenige Szenen später, als Carlos zwei französische Agenten bei einer Razzia aus nächster Nähe hinrichtet.

Chronologisch arbeitet der Film den Werdegang dieser Terror-Ikone ab, ohne bloßes Stationendrama zu sein. Jahre hat der französische Regisseur für diesen Film recherchiert, hat sich in die Mechanismen der Geheimdienste eingearbeitet, in politische Zusammenhänge unter den Vorzeichen des Kalten Krieges, vor allem aber in die Psyche des zum Mythos gewordenen Mörders, der zahllose Opfer auf dem Gewissen hat.

Ein weltgewandter Killer, der fünf Sprachen spricht, Maßanzüge und Spitzenrestaurants schätzt, dem die Frauen verfallen, der Waffen „als natürliche Verlängerung seines Körpers” versteht, wenn er nackt vorm Spiegel posiert. Dass ihn sein übergroßes Ego mehr antreibt als jedes dampfende Revolutionspathos, begreift man schnell. Doch der selbstgefällige Kampf um Einfluss und Bedeutung hat seinen Preis. Als Carlos die Geiselnahme bei der Wiener Opec-Konferenz 1975 auf ei­gene Faust gegen ein hohes Lö­segeld beendet, wird er vom Chef der palästinensischen Be­freiungsfront geschasst. Fort­an ist Carlos ein Selfmademan in Sachen Terror, ein international agierender Leiharbeiter des Todes, der nicht mehr für die eine Sache kämpft, sondern für die Seite, die ihm Geld und falsche Pässe gibt.

Drehbuch einer Demontage

Irak, Syrien und Libyen werden zu seinen Kunden, die Stasi gehört zu seinen zeitweiligen Unterstützern. Als auch die arabische Welt keinen Unterschlupf mehr bietet, wird aus Carlos, dem Jäger, Carlos der Gejagte. Bei seiner Verhaftung ist der heute 61-Jährige nur noch ein Schatten des einst virilen Narziss, dem Hodenoperation und Fettabsaugung zugesetzt haben.

So gelingt Assayas ein Film, der mehr ist als die übliche Mystifizierung von linksromantischen Filmemachern, sondern eine authentische Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Mannes, der das Drehbuch seiner Demontage schon selbst geschrieben hat. Mehr Bilder gibt’s hier

 
 

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