Der Acht-Minuten-Ermittler

Arnold Hohmann
Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) jagt den Bombenleger mit allen Mitteln "Source Code" mit Jake Gyllenhaal
Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) jagt den Bombenleger mit allen Mitteln "Source Code" mit Jake Gyllenhaal
Foto: Photo: Jonathan WENK Kinowelt
Eine virtuos komponierte Parabel von Duncan Jones auf den entwurzelten Menschen: Jake Gyllenhaal ermittelt mit übersinnlichen Methoden als vielfach gebrochener Held in „Source Code“

Essen. Die Figuren in den Filmen des Briten Duncan Jones sollten sich ihrer Existenz nie so ganz sicher sein. Nehmen wir nur diese einsame Aufsichtsperson auf der hinteren Seite des Mondes in „Moon“. Die wähnt sich am Ende ihrer Tätigkeit, freut sich auf die Rückkehr zur Erde und muss dann die furchtbare Wahrheit erkennen – dass sie ein ausgedienter Klon ist, der entsorgt und ersetzt werden soll. Aber das ist nichts gegen das Schicksal von Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) in Jones‘ neuem Film „Source Co­de“.

Der ist gerade noch einen Einsatz in Afghanistan geflogen, erwacht aber plötzlich im Körper eines Fremden, an Bord eines Zugs Richtung Chicago. Er steckt im Small Talk mit der hübschen Christina (Michelle Monaghan), die ihn von vielen Fahrten zur Arbeit zu kennen scheint. Und im Spiegel der Zugtoilette blickt ihn ein Gesicht an, das er noch nie zuvor gesehen hat. Colter ist noch dabei, diese völlig absurde Situation zu überdenken, als der Zug explodiert und alle Fahrgäste im Flammenmeer sterben.

Bis auf Colter, der nach dem Inferno in einem verschlossenen stählernen Raum gefesselt wieder wach wird. Mit welcher Außenwelt auch immer verbindet ihn lediglich ein Monitor, auf dem ein lächelndes Frauengesicht (Vera Farmiga) ihn über seine Mission aufklärt. Ein genialer Wissenschaftler hat die Möglichkeit entdeckt, das Ego einer Person für jeweils acht Minuten in den Todes-Zug zu beamen. Die Aufgabe: Nicht etwa mit seinen wachsenden Vorkenntnissen den Zug und viele Hundert Menschenleben zu retten, sondern lediglich den Bombenleger zu identifizieren. Der muss schnellstens unschädlich gemacht werden, denn er hat ein atomares Inferno für die Stadtmitte von Chicago angekündigt. Den Zug muss er also längst verlassen haben.

Haben wir das auch alle verstanden? Ein US-Soldat, scheinbar unsterblich, lebt als ein völlig Fremder im Acht-Minuten-Rhythmus bis zum nächsten Tod. Das ist von Drehbuchautor Ben Ripley derart genial ausgetüftelt, dass der Zuschauer schnell weiß: Hier geht es nicht um die übliche Jagd auf einen Terroristen. Hier geht es um das Ich und eines Menschen, der zwischen den Identitäten hin und her fliegt und noch nicht einmal sicher ist, ob diese Gestalt im stählernen Raum tatsächlich er selbst ist und ein körperliches Zuhause garantiert wäre.

Mit „Source Code“ empfiehlt sich Duncan Jones als begnadeter Erzähler kompliziert anmutender Geschichten, kaum länger als 90 Minuten, die man anschließend immer wieder durchdenkt, ohne eine Schwachstelle ausmachen zu können. Wie virtuos diese Pa­rabel auf den entwurzelten, Ori­entierung suchenden Ge­gen­wartsmenschen kom­po­niert ist, zeigt sich schon am Verhältnis von Colter zu seiner Sitznachbarin Christina. Obwohl Colter das Wissen aus den vorherigen „Besuchen“ mitbringt, die junge Frau aber jedes Mal neu starten muss, entwickelt sich hier allmählich eine Romanze im Acht-Minuten-Rhythmus, die, tragisch, immer wieder vom Tod unterbrochen wird.

Gyllenhaals Wandlung

Jake Gyllenhaals Wandlungsfähigkeit macht ihn als planen Actionhelden („Prince of Persia“) ebenso einsetzbar wie als gebrochenen Charakter („Brothers“). Sagen wir es so: In „Source Code“ ist er ein mehrfach gebrochener Actionheld.