"Als wir träumten" - Eine Jugend im wilden Osten

Sternchen (Ruby O. Fee) und Dani (Merlin Rose) erleben einen Wechsel zwischen Rausch und Kater, zwischen absoluter Freiheit und vollkommener Willenlosigkeit.
Sternchen (Ruby O. Fee) und Dani (Merlin Rose) erleben einen Wechsel zwischen Rausch und Kater, zwischen absoluter Freiheit und vollkommener Willenlosigkeit.
Foto: Rommel Film / Pandora Film
Die Romanverfilmung "Als wir träumten" begleitet eine Gruppe Jugendlicher in Leipzig. Mit dem Mauerfall brechen sie in eine andere Zeit auf.

Essen.. Natürlich markieren der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung auch im Leben der fünf Freunde Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul gewaltige Einschnitte. Aber trotzdem nehmen die fünf, die 1989 gerade einmal dreizehn, vierzehn Jahre alt waren, die Ereignisse ganz anders wahr.

Die historischen Dimensionen jener Zeit sind ihnen fremd. Für sie bedeutet die Wende vor allem das Ende ihrer Tage als Pioniere, Techno-Musik und West-Bier, das sie gelegentlich auch mal klauen, obwohl sie meist doch dem Leipziger Pilsener, dem Bier ihrer Heimatstadt, treu bleiben.

Wechsel zwischen Rausch und Kater

Andreas Dresen geht in seiner Verfilmung von Clemens Meyers Debütroman „Als wir träumten“ immer ganz nah an seine jugendlichen Anti-Helden heran. Er wirft sich mit ihnen in die Nächte und die Kämpfe. Ein ständiger Wechsel zwischen Rausch und Kater, zwischen absoluter Freiheit und vollkommener Willenlosigkeit, bestimmt den Rhythmus der Bilder und der Erzählung.

Die großen historischen Begebenheiten blendet Dresen wie auch schon Meyer konsequent aus. Was ist für einen 16-Jährigen schon der Fall der Mauer im Vergleich zu einer wilden Nacht irgendwo auf den Straßen von Südost-Leipzig. Die Spur der Verwüstung, die Dani und seine Freunde im Straßenbild hinterlassen, das ist es, was für die Jugendlichen zählt: Momente eines Lebens voller Kraft und Sehnsucht.

Erinnerungen an alte Filme

Zu Beginn ist eigentlich alles schon fast vorbei. Dani (Merlin Rose) bahnt sich den Weg durch ein heruntergekommenes, in großen Teilen ausgebranntes Vorstadtkino. Er hat gehört, dass sich sein Freund Mark (Joel Basman), der aus der Entzugsklinik abgehauen ist, hier aufhalten soll. Tatsächlich findet er ihn im Dunkel des von Asche und Dreck überzogenen Kinosaals. Aber auch die Erinnerungen an die Filme, die sie hier einst zusammen gesehen haben, in den 1980ern „Winnetou III“ und „Old Surehand“, nach der Wende dann 70er-Jahre Soft-Sexfilme, können nichts mehr ändern.

Es ist zu spät, für Mark, der von den Drogen nicht mehr loskommt, sowieso, aber auch für Dani und die anderen. Wie der Roman, der Erinnerungen aus verschiedenen Zeiten und Phasen aneinanderreiht, ohne sie ins Korsett einer starren Ordnung zu pressen, springt auch Wolfgang Kohlhaases Drehbuch immer wieder hin und her. Eine klare, eindeutige Chronologie lässt sich kaum ausmachen. Die widerspräche auch Dresens und Kohlhaases Sicht auf die Monate kurz vor und die Jahre nach dem Mauerfall. In ihrer Vision der Dinge ist alles im Fluss, und wer sich wie die fünf Jugendlichen einfach mitreißen lässt, verliert schnell die Übersicht.

Ein Mix aus Gegenwart und Vergangenheit

Einmal sitzen Dani und Rico (Julius Nitschkoff), der einst davon träumte, es als Profiboxer zu schaffen, zusammen in einer Kneipe. Im Fernsehen läuft der Weltmeisterschaftskampf zwischen Henry Maske und Rocky Rocchigiani. Über die Bilder aus der Arena legen sich die Erinnerungen an Ricos größten und wichtigsten Kampf. Gegenwart und Vergangenheit mischen sich. Die Emotionen schaukeln sich hoch, bis schließlich alles implodiert.

Im Roman heißt es einmal: „Sicher, wir hatten eine Menge Spaß damals, und doch war bei dem, was wir taten, eine Verlorenheit in uns, die ich schwer erklären kann.“ Genau diese Mischung, diesen Widerspruch, fangen Dresen und Kohlhaase ein. Selbst in den Momenten des größten Rausches schwingt im Spiel der jungen, bisher noch kaum bekannten Darsteller eine ungeheuere Traurigkeit mit.

Träume zerplatzen

Es ist, als ob Dani, Mark, Rico, Pitbull (Marcel Heupermann) und Paul (Frederic Haselon) eigentlich immer schon wussten, dass sie nur abstürzen können. So ist es auch bei ihrem größten Triumph. In einer leeren Fabrikhalle eröffnen sie den illegalen Techno-Club „Eastside“. Aber gegen die rechten Schläger, die in ihr Territorium eindringen, haben sie keine Chance. Träume zerplatzen. Doch es gibt nicht Schöneres als die Momente, in denen sie zum Greifen nah sind.

Wertung: vier von fünf Sternen

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