AKW-Doku führt in den Bauch der Reaktoren

Im Simulatorzentrum in Essen sind die Leitwarten fast aller deutschen Kernkraftwerke eins zu eins nachgebildet. Hier werden auch Störfälle  trainiert. Foto: Farbfilm Verleih
Im Simulatorzentrum in Essen sind die Leitwarten fast aller deutschen Kernkraftwerke eins zu eins nachgebildet. Hier werden auch Störfälle trainiert. Foto: Farbfilm Verleih
Foto: Stefan Stefanescu

Essen. Das Kino hat normalerweise keine Angst vorm Atomunfall, solange sich daraus Dramatik und apokalyptisches Potenzial ziehen lässt. Weil Atomenergie allerdings auch etwas Phantomhaftes, Unfilmbares hat, beschäftigte man sich bislang vor allem mit den Folgen wie 1987 in „Silkwood“ mit Meryl Streep oder in der Jugendbuchverfilmung „Die Wolke“ von Gregor Schnitzler.

Einen Film wie Volker Sattel hat bislang noch niemand ge­macht. Seine Kino-Doku „Un­ter Kontrolle“ ist neutrale Bestandsaufnahme und subtiler Abgesang zugleich. Eine ästhetische Studie tief aus dem Inneren der deutschen Reaktoren, so enorm informativ, so verstörend sachlich, so angenehm unpolemisch, dass der Film, der Ende Mai in die deutschen Kinos kommt und zum Jahrestag von Tschernobyl schon für viel Gesprächsstoff sorgt, im politischen Poker um Laufzeitverlängerungen wo­mög­lich untergegangen wäre. Wenn in Japan nicht die Erde gebebt hätte. Als kurz nach der Weltpremiere auf der Berlinale die Nachricht vom Reaktorunglück kam, ging es dem 41-jährigen Filmemacher, der nach dreijährige Recherche ein Atom-Kenner ist, wie den meisten: „Etwas wie Fukushima habe ich mir einfach nicht vorstellen können.“

Männer und Maschinen

Und es hat aus „Unter Kontrolle“ einen anderen Film gemacht. Im Vorfeld musste Sattel hart ringen um Finanzierung und Drehgenehmigungen. Und er hat Bilder bekommen, die nach Fukushima so niemand mehr sehen wird. Jetzt reißen sich die Kinos um die Filmkopien.

So streift man mit Sattel bald durch die bislang so geheime Welt der Atomkraft. Steht vor der Reaktorschutztafel der Kraftwerksschule Es­sen, wo die durchgespielten Reaktorschnellabschaltungen so simpel erscheinen wie die Behebung einer Stromstörung. Man lässt sich vom Pressesprecher des Kernkraftwerks Grohnde erklären, wie man sich dank Vernebelungsanlage vor Flugzeugkollisionen sicher schützt, während an der Außenwand der Kühltürme bröckelnder Beton ausgebessert wird. Hört im jüngsten, aber nie ans Netz gegangenen deutschen AKW in Kalkar, heute ein Vergnügungspark, den bedauernden Stoßseufzer: „Tschernobyl hat uns das Genick gebrochen.“ Und bekommt nach dem Abstecher zur Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) in Wien Zweifel an der Aufsichts-Qualität: „Da gehen Kraftwerksbetreiber hin wie Leute zum Vertrauensarzt mit einer peinlichen Krankheit: Verschwiegenheit garantiert“, erklärt ein Insider.

Für Sattel, selbst im Schatten eines Meilers aufgewachsen, steht das Aufdecken nicht an erster Stelle. „Ich wollte nicht noch einen Film ma­chen, der mit den Ängsten der Bevölkerung spielt. Ich wollte diese fremde Welt dem Be­trachter zugänglich ma­chen, das Thema einmal an­ders äs­the­tisch erfahrbar ma­chen. Das hat so noch nie­mand gezeigt, obwohl wir im Land der Ingenieure leben.“

Eine Utopie am Ende

Sattel zeigt sie wie Menschen aus einem leicht verstaubten Science-Fiction-Szenario, einer Zukunftswelt mit Ablaufdatum. Er filmt sie bei ihren Sitzungen, in der Kantine, vor der Wäscherei, wo die strahlenbelasteten Anzüge nach jedem Arbeitstag in riesigen Trommeln landen, bevor die AKW-Mitarbeiter den Kontaminationsscanner passieren. Filmt eine abgeschlossene Männer- und Maschinenwelt, in der der Stolz über die vermeintliche Beherrschung der Technik stets mitschwingt.

Sattel lässt das so stehen, seine Doku ist frei von unterschwelliger Polemik. Das hat er den Kernkraftbetreibern zu­gesagt. „Ich werde keinen Film machen, der die Menschen im Film denunziert.“ Aber nicht nur ihm dürften die altmodischen Resopaltische, die langen Betongänge bisweilen an die 70er-Jahre erinnern. Atomkraft erlebt man hier als laufenden Anachronismus.

Zu wissen, dass kein deutsches Akw jünger als 20 Jahre ist und das nostalgische Am­biente in Cinemascope-Bildern zu sehen, das macht den Film aus. „Die Technik an sich ist ja keineswegs schlampig. Aber es erstaunt natürlich, wie konventionell das ist, wenn man heute überall im Bereich von Nano- und Computertechnologien denkt. Das hat etwas Beunruhigendes, weil man sich fragt: Sind die Anlagen wirklich für so lange Zeit ausgelegt?“, sagt Sattel.

Für ihn steht fest, dass die Atomkraft das Jahrhundert nicht mehr überlebt. Ein zentrales Zivilisationsprojekt des 20. Jahrhunderts, das mal als große Utopie gestartet ist, stehe vor dem Ende. Zuletzt ist der Mensch ganz aus dem Bild verschwunden. Die Technik hat alles „unter Kontrolle“. Der Rest ist Kurzschluss.

 
 

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