3D-Brille selbst bei Wim Wenders’ Pina-Doku

Arnold Hohmann

Berlin. Die Jagd auf den Goldenen Bären lässt sich nicht mehr ohne 3D-Brille verfolgen. Ein Überblick über die Wettbewerbs-Beiträge. Preisverdächtig ist „Margin Call“ von JC Chandor über die Welt der Banker.

Noch nie hat man bei der Berlinale mit einem Brillending auf der Nase im Auditorium sitzen müssen, um sich Filme des Wettbewerbs anzuschauen. Und jetzt kommt man einen ganzen 3D-Tag lang nicht ohne diese Vorrichtung aus, die zu eng erscheint, die die Farben dimmt und schon nach kurzer Zeit Druck im Kopf verursacht. Den Blick auf eines der bisher wenigen Ereignisse des diesjährigen Wettbewerbs, leider außer Konkurrenz, können auch diese Kalamitäten nicht verstellen: Wim Wenders hat mit „Pina“ der Wuppertaler Tanztheater-Legende Pina Bausch postum einen berauschend schönen Film geschenkt, in dem das Wesen ihrer Arbeit mit großem Einfühlungsvermögen verdichtet erscheint.

Die Tänzer im Wuppertaler Stadtbild

Wenn Pina einen auf diese bestimmte Weise ansah, meint einer ihrer Tänzer, dann war man kein simpler Mensch mehr, dann war man zu allem fähig. Das mag vielleicht der Grund dafür sein, dass das Ensemble einem in den Ausschnitten aus neu getanzten Klassikern wie „Kontakthof“ oder „Café Müller“ stets wie ein einziger Corpus erscheint, in dem jedes Glied auf das andere reagiert. Das Dreidimensionale, das bisher fast nur in US-Blockbustern Anwendung fand – hier zeitigt es überraschende Ergebnisse auch im Kleinen: Die Bühne wird endlich zum tiefen Raum, Theater zum aufregenden Filmerlebnis. Trotzdem hat der Film seine berührendsten Momente, wenn Wenders sich mit der Compagnie ins Freie begibt, wenn er die Tänzer ihre persönlichen Erinnerungen an die Choreographin im Wuppertaler Stadtbild, vor und in der Schwebebahn in lauter „Soli für Pina“ tanzen lässt.

Zweidimensionale Silhouetten im dreidimensionalen Raum

Weit weniger sinnvoll erscheint der Einsatz des Dreidimensionalen in dem Animationsfilm „Les contes de la nuit“ (Geschichten der Nacht) des Franzosen Michel Ocelot. Der Regisseur sucht hier die Nähe des Silhouettenfilms in der Tradition einer Lotte Reiniger, um seine düsteren Märchen über Werwölfe oder aztekische Monster zu erzählen. Und da Silhouetten nun mal zweidimensionale Gestalten sind, liegt hier der einzige Grund für 3D im Arrangement der hübsch bunten Hintergründe. Ocelots Werk ist offenbar die Weiterentwicklung einer Reihe von Kurzfilmen, die er 1992 für das Fernsehen realisierte. Wo auch die Einzelteile dieses Films besser bestehen würden, als im Wettbewerb der Berlinale.

Aber der schwächelt bisher in diesem Jahr ohnehin deutlich sichtbar. Was immer bisher im Rennen um den Goldenen Bären antrat, der Zuschauer muss unendliche Geduld mitbringen. In dem mexikanischen Beitrag „El Premio“ (Der Preis) beispielsweise heult hauptsächlich der Wind, pfeift der Sand durch die Luft und rollen die Wellen – bis man nach etwa einer Stunde endlich zum eigentlichen Konflikt vorstößt. Wir befinden uns in den 70er-Jahren im Argentinien der Militärjunta, eine Mutter hat sich mit ihrer Tochter in eine Betonhütte am Strand verkrochen, der Vater wurde verschleppt. Für die Regisseurin Paula Markovitch sind das Erinnerungen an ihre Jugend. Quälende, ganz offensichtlich.

Afirka erscheint so eng wie eine Penthousewohnung in der Hauptstadt

Filme zum Rätseln sind an­gesagt. So zeigt Ulrich Köhler in „Schlafkrankheit“, dass für einen Re­gisseur der so genannten „Berliner Schule“ Afrika in etwa so eng erscheint wie eine Penthousewohnung in der Hauptstadt. In Kamerun be­gegnen wir einem deutschen Arzt, der vor Ort ein Projekt im Kampf gegen die Schlafkrankheit be­treut. Als es mit der Familie nach Hause gehen soll, kann dieser Ebbo einfach nicht loslassen, trennt sich von Frau und Tochter, um vor Ort zu bleiben. Bis er sich am Ende in ein Flusspferd verwandelt und damit endgültig in die afrikanische Mythologie eingeht, gibt es noch viele Diskussionen über Sinn und Zweck von Hilfsprojekten für einen Kontinent, auf dem das Geld so spurlos versickert wie Wasser.

Da auch die überaus komische deutsch-türkische Komödie „Almanya“ nur außer Konkurrenz gezeigt wurde (wir kommen zum Start am 10. März ausführlich darauf zurück), bleibt als ernsthafter Bären-Anwärter bisher nur der amerikanische Beitrag „Margin Call“ von JC Chandor. Es geht um Hauen und Stechen in einer Investment-Bank am Vorabend der großen Finanzkrise von 2008. Man er­kennt, dass man am Abgrund steht, aber um die eigenen Gra­tifikationen zu retten, will man andere mit in den Ab­grund reißen. Starke Akteure wie Kevin Spacey, Jeremy Irons oder Stanley Tucci agieren in einem modernen Shakespeare-Drama. In einer Nacht der Rauswürfe und der Entscheidungen kommt ein Haus ins Wanken - und das löst den Dominoeffekt aus.