Kindle und die Kinderkrankheiten

Jens Dirksen
Foto: WAZ

Essen.  Amazon verkaufte am ersten Weihnachtstag erstmals mehr virtuelle als gedruckte Bücher - weil alle, die ein E-Book geschenkt bekommen hatten, das Gerät einmal ausprobieren wollten. Möglich macht es der „Kindle“. Wir haben uns das Amazon Lesegerät angeschaut - und die Konkurrenz hinzugebeten.

Amazon Kindle

„Kindle“ heißt so viel wie entzünden, entfachen. Eine Leidenschaft natürlich. Und die ist damals wie heute beim Lesen unerlässlich. Genau das Richtige also für einen Büchermuffel, der die Internet-Lektüre dem gedruckten Wort vorzieht? Der Kindle macht es auch Technik-Neulingen einfach. Einschalten, Buch auswählen, loslesen. Genug Stoff gibt es allemal. Wenn man des Englischen mächtig ist.

Wo wir auch schon beim wohl größten Manko des Kindle wären. Das 299 Euro teure Lesegerät von Amazon ist Teil eines geschlossenen Verkaufskreislaufes. Über die Menütaste nimmt der Kindle Kontakt zum Amazon-Shop aus – via Mobilfunkverbindung. Buchkäufe auf die Schnelle sind so ausschließlich im US-Onlineshop möglich. Und dort gibt es leider nur englische Bücher, mit Ausnahme zweier deutscher Zeitungsabos. Ein deutsches Angebot ist (noch) nicht in Sichtweite.

Ansonsten unterscheidet sich der 290 Gramm schwere Kindle wenig von den anderen Kandidaten im Test. Mit den wenigen Tasten wird vor- und zurückgeblättert, gelangt man ins Hauptmenü oder navigiert durch das Online-Angebot. Hilfreich dabei: der Mini-Steuerknüppel, der allerdings etwas Eingewöhnungszeit braucht.

Gekauft wird per Amazon-Online-Account. Wer bereits einen besitzt, muss für den Kindle keinen neuen erstellen, ein deutscher tut es auch. Die Tastatur am unteren Rand des Geräts hilft beim Suchen im Shop, ist aber zu schwammig geraten. Und das Lesevergnügen? Das leidet. Der Kindle reagiert oft träge. Glaubt man, er habe die Blätterfunktion nicht angenommen und drückt erneut, springt er in der nächsten Sekunde gleich zwei Seiten weiter. Dafür ist das Display gut ablesbar, verzichtet allerdings (wie alle anderen Geräte auch) auf Farbe.

Sony PRS-600

Die Seelenspiegel-Funktion der Literatur bestimmt einen Teil ihrer Rezeption, dieser Wahrheit hat der Sony Reader in der hier getesteten Gestalt der PRS-600 Touch Edition nun tiefere Bedeutung verliehen. Kurz: Der Bildschirm reflektiert! Zeigt die Leserin im Wintersonnenlicht und erst dahinter eine Seite, die auch im Buche stehen könnte. So ein Mistding. Da müssen wir zum Lesen wohl in den Keller.

Dabei hatten sich das 286 Gramm schwere, schickschwarze Teil so nett angefühlt, hatten wir auch gleich den elegant im Rahmen versenkten Stift für den berührungsempfindlichen Bildschirm gefunden und das erste Buch sowieso - mit Fingerspitzen navigiert es sich in den Tiefen von 380 MB verfügbarem Speicherplatz herum, dass es eine Freude ist.

Denn dies ist Technik für Technikidioten: Eine Minileiste mit nur fünf Knöpfen ziert den unteren Rand der Buchseite. Ein Knopf blättert rechts, einer links. Einer führt zurück auf die Hauptseite, einer vergrößert, einer zeigt unsere „Options“ (Optionen) für die jeweilige Dateiart. So erlaubt die Notiz-Funktion, auf den Buchseiten zu schreiben - mehr als Krakel allerdings sind für Ungeübte kaum möglich - oder Wörter zu unterstreichen. Dies tröstet darüber hinweg, dass Geruch und Gefühl des Buches schmerzlich fehlen, dass die Wucht des Gedruckten der Beliebigkeit des Computerschirms weicht.

Doch werden Selbstverständlichkeiten wie die Wörtersuche im Buch ergänzt durch nette Spielereien: Umblättern geht auch mit einen Fingerwisch auf den Bildschirm. Per USB-Kabel oder SD-Karte lassen sich nicht nur kinderleicht Bücher laden (Kooperationspartner ist Thalia), im Sony-eigenen EPUB-Format ebenso wie PDF. Sondern auch Bilder (als JPG, leider nur schwarzweiß) und Musikdateien (MP3, klingt gut mit guten Kopfhörern). Ein Programm speichert gar „Handschrift“ - ob wir hier die Autoren dazu bringen sollen, dem Reader ein Autogramm zu geben? Putzig. Aber vor der Signierstunde könnte man sich die Nase pudern. Den (299 Euro teuren) Spiegel haben wir ja dabei.

Hanvon N 518

Der Hanvon „Wise Reader“ N 518 hat den Vorteil, dass man darauf schon deutsche Bücher lesen kann: Sie werden über www.libreka.de vertrieben, die Online-Plattform des deutschen Buchhandels. Weiterer Vorteil: Der Hanvon hat ein Paperback-Format, man kann ihn in die Jackentasche stecken. Er lässt sich relativ leicht mit einer Hand bedienen.

Ein Kopfhörer wird mitgeliefert, beim Lesen kann man auch Musikdateien abspielen (der eingebaute Lautsprecher hat allerdings einen scheußlichen Blechklang).

Auch beim Hanvon können auf dem Bildschirm Notizen gemacht werden. Ansonsten ist das Schwarz-Weiß bei illustrierten Büchern ein Rückschritt um Jahrhunderte. Überhaupt: der Bildschirmaufbau dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit. Ungeduldige Leser haben zweimal auf die Taste gedrückt, bevor eine neue Seite erscheint - und sind schon eine Seite zu weit.

Mehr als drei, vier Sätze auf einmal sind kaum zu sehen - so wechseln man ins Querformat, da sind es vier bis fünf Sätze. Immer noch arg wenig für geübte Leser. Da wird Lesen wieder mehr zur Arbeit. Man kann nicht einmal ein Impressum, ein Inhaltsverzeichnis oder ein Vorwort überblättern, solange man nicht punktgenau weiß, wie lang sie sind - Blättern auf Verdacht geht eben nicht beim E-Book.

Weiterer Nachteil: Der Bildschirm bzw. die Tasten am Rand sind nicht selbsterklärend, ohne Lesen der Gebrauchsanweisung macht man leicht Fehler, die dank der Herkunft des Geräts im Zweifelsfall zur Begegnung mit lustigen chinesischen Schriftzeichen auf dem Bildschirm führt. Das trübt die Lektüre von Herta Müllers „Atemschaukel“, die auf unserem Testgerät installiert war, noch mehr als der fehlende Papiergeruch. (Preis: 279 Euro, 190 Gramm, 2 Stunden Ladezeit, das reicht für 15 Tage Lesen oder 7000 mal Umblättern, 512 MB Arbeitsspeicher).

Das Fazit

Fazit: Wir warten auf die nächsten Modelle, mit einem farbigen und möglichst auch schnelleren Bildschirm.