Kein Schweigen der Hämmer - 130 Schüler spielen „Pott-Symphonie“

Lars von der Gönna
Schüler suchen den Klang der Region. Der 15 -jährige Benni ist beeindruckt vom Lärm in der Maschinenhalle der Bochumer Zeche Hannover, die heute ein Industriemuseum ist.
Schüler suchen den Klang der Region. Der 15 -jährige Benni ist beeindruckt vom Lärm in der Maschinenhalle der Bochumer Zeche Hannover, die heute ein Industriemuseum ist.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Schrottofon und Bierflasche, Amboss und Ölfass sind ihre Instrumente: 130 Jugendliche aus dem Ruhrgebiet haben komponiert, wie ihre Heimat klingt. Sonntag laden sie zum Gratis-Konzert der großen „Pott-Symphonie“.

Ruhrgebiet. „Ich hör’ Pop, Hip-Hop, ich hör’ alles, was gut ist. Eins Live, solche Sachen“, sagt Dominik Frontzek. Dominiks tägliches Ohrenprogramm ist auch das seiner Freunde. Aber für die Pott-Symphonie haben er und die anderen dann doch zum Heavy-Metal des alten Ruhrgebiets gegriffen.

In Industriemuseen der Region haben sie angefasst – und direkt angefangen: Schüler und Schülerinnen aus Gladbeck, Bochum, Castrop, Dortmund, Wattenscheid. Haben gewaltige Räder gedreht, mit Wucht den Hammer geschwungen, im Zechengarten den knirschenden Boden gespürt. Oder gelauscht, ob wer antwortet, wenn man ins uralte Telefon des Malakowturms ruft: „Hallo?“

Ihr Ziel war immer eins: zu hören, wie es eigentlich klingt, da, wo man wohnt, da, wo man herkommt: Geschichte zum Anfassen und Hinhören. Diesen Sonntag ist das Ergebnis als üppiges Wandelkonzert zu bestaunen. Eine von Schülern erdachte und von ihnen selbst gespielte und dirigierte (!) „Pott-Symphonie“ wird erklingen. Nicht im vornehmen Konzertsaal, sondern da, wo die alten Maschinen ein Zuhause fanden, als die Schwerindustrie sich herausschlich aus dem Alltag des Reviers. Diesmal auf der Zeche Hannover in Bochum-Hordel. Jeder ist willkommen, der Lust hat – vor allem Lust auf Überraschungen.

Klüngelskerl trifft Kioskbüdchen

Dass es Überraschungen gibt, dass ist sicher seit diesen vier Jahren, in denen Jugendliche den Pott vertonen. Das, sagt Anja Hoffmann, liege auch an der Freiheit, die das Projekt den Schülern lasse. Die Museumspädagogin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hat die „Pott-Symphonie“ miterfunden. Aber kann man wirklich einfach so loslegen, einfach komponieren, wo doch sicher nicht jeder ein kleiner Mozart...? Muss er nicht sein! Drei Komponisten stehen den Schülern zur Seite. Zur Seite! – nicht im Mittelpunkt. Denn es geht nur ums Handwerk, darum, die richtige Sprache zu finden. Alles Schöpferische kommt von den 12- bis 17-Jährigen. Die ließen es bisher kreativ krachen. 2010 etwa erfand ein Castroper Gymnasium die Biermusik namens „Fiegephonie“, Klüngels­kerlklang traf Kioskbüdchen. Ein Stück übrigens für Violine und Bügel-Bierflaschen.

Die Komponisten stehen im Dienst der Schüler: „Sie haben sich exakt nach den Wünschen der Jugendlichen zu richten“, sagt Anja Hoffmann. Ein großes „Kanalrauschen“ war 2011 in Henrichenburg die Folge. Und diesen Sonntag? Ein „Schrottofon“, verrät Dominik, gehört jedenfalls zum Orchester. Von Blechschaden kein Ton.

Sonntag, 23. Juni, geben die 130 jungen Künstlerinnen und Künstler ab 15 Uhr ein Wandelkonzert vor Publikum. Der Eintritt ist frei! Zeche Hannover, Günnigfelder Str. 281 und Rübenkamp 8, 44793 Bochum, Tel . 0234-6100874