Kehlmanns Roman "F" ist ein neues Ideen- und Geschichtenfeuerwerk

Jens Dirksen
Brennt mit seinem Roman "F" ein wahres Feuerwerk der Ideen ab: Daniel Kehlmann.
Brennt mit seinem Roman "F" ein wahres Feuerwerk der Ideen ab: Daniel Kehlmann.
Foto: Getty
Daniel Kehlmanns Roman „F“ ist ein großartiges Spiegelkabinett der Ich- und Sinnsuche. Drei Brüder, die ihren Lebensweg mit Tricks, Täuscherei und Betrug gepflastert haben - ein Priester, der nicht glaubt, der durchgeknallte Börsenmakler und der Kunstfälscher - treffen mit ihrem lange verschollenen Vater zusammen.

Essen. Mit Fragen wie „Wer bin ich und wie viele?“ hat sich Daniel Kehlmann noch nie lange aufgehalten. Fast jeder seiner Romane wollte wissen, ob es das überhaupt gibt – ein Ich. Ob die Menschen am Ende nicht doch, und seien sie noch so eigenwillige Charaktere – bestimmt werden von der Welt um sie herum und jenen heiterbösen bis bitterschönen Überraschungen des Lebens, die wir, weil wir es vielleicht nicht besser wissen, Zufall nennen.

Zum Glück jedenfalls ist Daniel Kehlmann kein dekonstruktivistischer Philosoph, der daraus ein pompöses Theoriegebäude errichten würde. Der ewige Sonnyboy unter den deutschen Schriftstellern, der so wenig deutsch daherkommt, sprudelt stattdessen über vor Geschichten, die unvorbereiteten Lesern gern mal die Kinnlade herunterfallen lassen. Aber die meisten sind nach seinem internationalen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ bestens vorbereitet.

Täuschungen, Tricks und Heuchelei

Sogar auf die einigermaßen unwahrscheinlichen Brüder Friedland: Martin ist ein Priester, der, anders als erhofft, auch nach vielen Berufsjahren nicht an Gott zu glauben vermag und im Beichtstuhl Schokoriegel knabbert, Eric ist von lauter Börsenmaklerei zum drogenumnebelten Autisten geworden und ein unerträglich peinlicher Angeber dazu; sein homosexueller Zwillingsbruder Iwan schließlich, bei dem alle sicher waren, dass er mal ein berühmter Maler werden würde, macht mit Imitationen aus einem ebenso verstorbenen wie unbekannten Heinrich Eulenböck ein verkanntes Kunst-Genie.

Alle drei arbeiten also in einem Ausmaß mit Täuschungen, Tricks und Heuchelei, als wären sie längst an Bord von Sebastian Brants spätmittelalterlichem „Narrenschiff“, in dem es schon heißt: „Die Welt will betrogen sein, also wird sie betrogen.“ Und alle drei treffen an einem etwas übertrieben ausgewählten 8. August 2008 mit ihrem Vater zusammen.

Die ganze Schussfahrt ins Unheil aber beginnt mit einem Moment der Ehrlichkeit: Arthur Friedland, der Vater der drei Brüder, räumt das Familien-Konto und verschwindet von einem Tag auf den anderen mit der Telegramm-Nachricht, es gehe ihm gut und „man brauche nicht auf ihn zu warten, er werde er werde sehr lange nicht zurückkommen.“ Arthur Friedland schreibt fortan nicht mehr für die Schublade, wie er es zuvor getan hatte, sondern Romane, die ihn weltweit bekannt machen. Und ihre Leser auf eine etwas unheimliche Art und Weise in den Bann ziehen, allen voran mit seinem Debüt „Mein Name sei Niemand“, das eine Selbstmord-Welle auslöst. Der Held dieses Romans wird F genannt, doch es scheint, „als stehe in Wahrheit nicht die Hauptfigur im Zentrum, sondern der Leser, der all dem so bereitwillig folgt.

Ich-Werdung durch radikalen Egoismus

Selbstverständlich hat Daniel Kehlmann hier auch beschrieben, welche Wirkung er sich vom eigenen Buch erhofft. Dazu brennt er ein großes Feuerwerk von Ideen ab. Wenn er die diversen Bücher von Arthur Friedland beschreibt, liefert Kehlmann auf einer einzigen Buchseite so viele aberwitzig Roman-Ideen ab, dass manche seiner Kollegen für die nächsten zehn Jahre versorgt wären.

Ein Ich, sagt der Lebensweg des Arthur Friedland jedenfalls, entsteht nur in der

Entscheidung gegen Lebensumstände; man muss dafür allerdings auch in Kauf nehmen, für einen rücksichtlosen Egoisten gehalten zu werden. Was dagegen bei halbherzigen Kompromissen und Konzessionen herauskommt, lässt sich an den vergurkten Biografien seiner Söhne ablesen. Weil aber alles bei Kehlmann einen doppelten Boden hat, wird der eine Moment der Wahrheit ironischer Weise ausgelöst durch einen Hokuspokus – als Vater Friedland mit seinen Söhnen die Show eines Hypnotiseurs besucht.

Da ist es nur konsequent, dass Martin, der Priester, das letzte Wort dieses Romans behält: „Und jetzt“, sagte er, „das Bekenntnis des Glaubens.“