Kasperl-Theater

Seit zehn Jahren mischt die Gruppe Showcase Beat Le Mot die Theaterszene auf. Mit ihrer Inszenierung von Otfried Preußlers Der Räuber Hotzenplotz sind sie nun zum ersten Mal beim Impulse-Festival zu sehen.

Alexander Kerlin hat Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra und Veit Sprenger in Berlin getroffen und mit ihnen über Organisierte Kriminalität, Kasperlfiguren und gutes und schlechtes Theater gesprochen.

Alexander Kerlin: In Der Räuber Hotzenplotz gibt es im Grunde genommen zwei Schauplätze: den Wald und das Dorf. Im Dorf wohnen Kasperl und Seppel, die Oma, der Polizist Dimpfelmoser. Im Wald gibt es eine Höhle, dort wohnt Hotzenplotz. Was macht der da? Was ist das für eine Figur?

Veit Sprenger: Räuber Hotzenplotz ist ein gelernter Räuber. Das ist das Besondere an ihm. Er hat eine Ausbildung und ist stolz darauf, und er bringt eine Art von Arbeitsmoral mit. Das sagt er selber. Zum Beispiel nimmt er nur höchst selten Schnupftabak, wenn er auf der Lauer liegt. Der hat eine professionelle Ethik. Diese Idee gibt es sonst nur im asiatischen Kulturkreis, in China gab es eine Räubergewerkschaft, oder in Japan so etwas wie die Yakuza.

Nikola Duric: Was den Stoff modern macht, ist der Umstand, dass für Hotzenplotz der Räuberberuf nichts mehr einbringt und er schon über eine Umschulung nachdenkt. Es lohnt sich einfach nicht mehr für ihn. Obwohl er jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, sich selbst diszipliniert, reicht das zum Leben nicht mehr aus. Die Räuberfigur hat uns wirklich interessiert. Das ist doch toll, dass der Hauptdarsteller eine Verbrecherfigur ist.

AK: Ist Hotzenplotz also bürgerlich? Ein bürgerlicher Räuber mit deutschen Tugenden?

VS: Ich würde nicht sagen, dass er ein bürgerlicher Räuber ist. Er ist andererseits aber auch kein Anarchist. Vielmehr vertritt er eine andere Ordnung, die eher in Richtung von organisiertem Verbrechen geht. Weil er ja organisiert ist.

ND: Er hat auf jeden Fall eine Ethik. Wie die alte Schule der Mafia, die mit soften Drogen, Frauen und Pelzmänteln handelt. Nicht wie die neue Generation, die eine ganz andere Brutalität rein gebracht haben. Das sind auch häufig keine Italiener mehr sind, sondern Russen, Albaner. Hotzenplotz gehört aber zu der alten Schule des Verbrechertums. Er hat eine Funktion innerhalb der Dorfgemeinschaft. Sie würde ohne ihn gar nicht so existieren können. Im Dorf gibt es zwar nicht mal ein richtiges Gefängnis, das Spritzenhaus fungiert multifunktional als Gefängnis, als Polizeistation und wahrscheinlich ist da auch noch das Bürgermeisteramt drin. Aber diese Berufe definieren sich ja über den Räuber. Ohne ihn bräuchte es gar keine Polizei, es gäbe keine Alarmbereitschaft und keinen Ausnahmezustand. Deshalb braucht das Dorf den Räuber, um für sich eine Gemeinschaft sein zu können. Nicht umsonst wandelt sich der Räuber im dritten Buch zum Guten und wird Teil und Held dieses Dorfes.

Thorsten Eibeler: Der Räuber ist die andere Seite der Medaille. Er ist so etwas wie der monströser Doppelgänger der Ordnung, die der Dimpfelmoser vertritt.

Dariusz Kostyra: Man braucht Feindbilder, damit eine Gemeinschaft funktioniert. Ganz Westeuropa funktioniert so. Nach dem Fall der Mauer hat es ja ein bisschen gedauert, bis man was Neues zum Hassen gefunden hat. Das Gute und das Böse, so funktioniert die Welt. Man muss da allerdings die Perspektiven berücksichtigen. Der Räuber ist ja nicht von sich aus böse, sondern lediglich aus der Perspektive des Dorfes. ...mehr auf Westropolis

Bild: © Christian Brachwitz

 
 

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