„Kasimir und Karoline“ spielen am Düsseldorfer Schauspielhaus auch mit dem Publikum

Ulrike Merten
„Kasimir und Karoline“. Frei nach Ödön von Horvath.
„Kasimir und Karoline“. Frei nach Ödön von Horvath.
Foto: Sebastian Hoppe
Das dürfte ein Abend sein, mit dem auch die jungen Zuschauer etwas anfangen können. Sehr heutig und nah an den Zuschauern (im wahrsten Wortsinn) inszeniert Nurkan Erpulat Horvaths „Kasimir und Karoline“ am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Düsseldorf. Angespannt bis spannend ist derzeit die Düsseldorfer Beziehungslage zwischen Bühne und Publikum. Gerade erst hatte im Opernhaus Burkhard C. Kosminskis umstrittener Nazi-„Tannhäuser“ Premiere. Und nun stoppen im Schauspielhaus „Kasimir und Karoline“ mitten in der Premiere frei nach Ödön von Horváth selbst das Spiel, um bei den Zuschauern Herzfrequenz und Fieberkurve zu messen.

„Arbeitslosigkeit – ist das ein Thema für Sie?“ will der Kleinkriminelle Merkl Franz wissen, den Taner Sahintürk eben noch mit dem Aggressionspotenzial einer entsicherten Handgranate verkörpert hat. „Verstehen Sie die Figuren da oben? Waren Sie schon mal ohne Job?“ hakt er im Saal nach. Einige antworten. Andere machen ihrem wachsenden Unmut Luft: „Was soll das?“, fordern aber: „Weiterspielen!“

Viel heutiger Sprengstoff

Gut so! Denn was Neu-Übersetzerin Marianna Salzmann und Regisseur Nurkan Erpulat dem 1932 entlarvenden Stimmungs-Seismographen Ödön von Horváth da an heutigem Sprengstoff abgelauscht haben, trifft den Nerv. Obwohl von Horváths Sprache nur Bruchstücke übrig geblieben sind. Und die Verlagerung des Oktoberfestes auf den Düsseldorfer Rheinwiesen-Rummel allzu naheliegend und überdeutlich ausfällt.

Arbeit, Geld, Liebe in Zeiten des krisengeschüttelten Kapitalismus: Diese Triangel versetzen Erpulat, sein spielfreudiges Ensemble, das einfühlsame Musiker-Trio und Christian Ehrich als singender Transvestit zwischen Popsongs, Balkan-Beats und Volkslied in nuancenreiche Schwingungen. Ganz sanft startet die promillegetriebene, sich stetig steigernde Achterbahnfahrt der Glücksucher. Ein Gruppenbild der Kirmesbesucher mit Himmelsblick, Zeppelin-Luftballon und leisem Intro stimmt ein auf den melancholischen Grundton der Ballade vom arbeitslosen Kasimir, seiner vergnügungswilligen Braut Karoline und der allgemein grassierenden Beziehungsunfähigkeit.

Ein Feld für Aufreißer, Aufschneider und Geknickte

Kein grellbunt blinkender Lichtertaumel. Kein Höherschnellerweiter. Nur sparsamer Glühbirneneinsatz markiert auf der Bühne das Feld für Aufreißer, Aufschneider, Geknickte und verzweifelt Amüsierwütige. Verloren wirkt das Sehnsuchtspersonal auf Platzsuche in dieser schwankend kreisenden Gesellschaft. Mareike Bey-kirchs Karoline im Tüllkleid will Eis, schönen Schein und irgendwie nach oben. Till Wonkas sprachlos bleicher Kasimir lässt seiner Entwertungsdepression freien Lauf. Für Menschen ab 16? Ja! Weiterspielen!