Kannibale, Liebe und der ganz authentische Horror im Theater Dortmund

Kindlicher Mörder: Uwe Rohbeck als Ed Gein in „Kannibale und Liebe“ am Theater Dortmund.
Kindlicher Mörder: Uwe Rohbeck als Ed Gein in „Kannibale und Liebe“ am Theater Dortmund.
Foto: Theater Dortmund
Der Autor und Filmemacher Jörg Buttgereit bereichert das Dortmunder Theater nun schon zum zweiten Mal mit seiner Vorliebe für Trash. Nach einem Abend über typische B-Pictures nimmt er sich nun den amerikanischen Mörder und Grabräuber Ed Gein vor. Er sucht nach dem Menschen im Monster.

Dortmund.. Von seltsamer Zuneigung zu Leichen hat der Autor und Filmemacher Jörg Buttgereit schon früh in seinem Werk erzählt. In „Nekromantik“ (1987) zeigt er etwa ein schräges junges Paar, das eine Dreierbeziehung mit einer Leiche beginnt. Da ist Buttgereits Beschäftigung mit Ed Gein, dem „Schlächter von Plainfield“, nur zu verständlich. Die „wohl erste authentische amerikanische Horrorgestalt“ (Buttgereit) ermordete in den 50er-Jahren mindestens zwei Frauen und raubte gut ein Dutzend weibliche Friedhofsleichen, auch zum Zwecke der Verköstigung.

Starker Einfluss auf Kino und Popkultur

In der True-Crime-Tragödie „Kannibale und Liebe“, die jetzt am Theater Dortmund uraufgeführt wurde, macht Buttgereit den tapferen Versuch, den Menschen im Psychopaten erkennbar zu machen und gleichzeitig Geins Einfluss auf Kino und Popkultur („Psycho“, „Das Schweigen der Lämmer“) aufzuzeigen. Das beginnt vor einer mit Gehirnen übersäten Tapete eher steif und didaktisch. Eine Psychologin gibt eine kleine Einführung, dann tauchen noch eine ehemalige Nachbarin und zwei Polizeibeamte auf, die uns mit Tatortfotos füttern.

Eine Leidenschaft für alles Tote

All das aber ist nur Beiwerk, das eigentliche Ereignis ist der Schauspieler Uwe Rohbeck, der geradezu unheimlich intensiv Ed Gein lebendig werden lässt. In einer langen Verhörsituation wächst er mehr und mehr in diese Figur hinein, gibt Einblick in das befremdliche Seelenleben eines Einsamen, dem mit der Mutter auch die letzte Kommunikationsmöglichkeit abhanden kam.

Immer dämonischer wirkt er im Lauf der Vernehmung, bei der er Frauenkleidung trägt. Seine Leidenschaft für alles Tote („dieser Geruch“) erwächst aus ihm selbst – Gein hatte keinen Fernseher, ging selten ins Kino. Am Ende aber ist er wieder dieses seltsam kindgleiche Wesen, das uns verloren ansieht. Und dem man dann nichts mehr von dem zutraut, was hier verhandelt wurde.

Buttgereits Trash-Theater ist etwas für Leute, die das Makabre lieben und für die es im Kino erst gegen Mitternacht interessant wird. Also bitte mehr davon.

 
 

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