Justizministerin gegen öffentlichen Pranger

„Öffentlichen Pranger braucht der Rechtsstaat nicht“, sagte Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger. Foto: imago
„Öffentlichen Pranger braucht der Rechtsstaat nicht“, sagte Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger. Foto: imago

Köln.. Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger warnt angesichts des umstrittenen RTL2-Formats „Tatort Internet“ vor einer Unterhöhlung des Rechtsstaats. Derweil bleibt ein Pädagoge, der nach der Sendung erkannt wurde, verschwunden.

Angesichts der Bloßstellung von vermeintlichen Kinderschändern in einer neuen Fernsehshow sowie der Forderung nach einem Internetpranger für Lebensmittelhersteller hat Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vor einer Unterhöhlung des Rechtsstaates gewarnt. Der „Passauer Neuen Presse“ sagte sie: „Hier ist ganz besondere Vorsicht und Zurückhaltung geboten. Es besteht die Gefahr, dass Unschuldige angeprangert und große Schäden angerichtet werden und der Rechtsstaat in eine Schieflage gerät. Das ist ein hohes Risiko.“

„Tatort Internet“ hat nach einem Bericht des Mediendienstes „kress“ am Montagabend weniger Zuschauer interessiert als in der Vorwoche. Statt 950.000 verfolgten nur noch 790.000 Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren das Format. Der Marktanteil lag mit 6,0 Prozent genau auf dem Jahresschnitt des Senders.

Beschuldigter verschwunden

Bereits zuvor hatte es Kritik an der RTL-II-Sendung „Tatort Internet“ gegeben, die unter anderem von Stephanie zu Guttenberg, der Ehefrau des Verteidigungsministers, präsentiert wird. Darin war der Leiter eines Kinderheims als mutmaßlicher Kinderschänder enttarnt worden, allerdings ohne den Arbeitgeber des Mannes über den Verdacht zu berichten.

Der 61-jährige Würzburger Kinderdorfleiter, der nach der Ausstrahlung der umstrittenen RTL-2-Sendung „Tatort Internet“ suspendiert wurde, wird weiter vermisst. Wie ein Sprecher des Trägervereins sagte, habe der Mann nach seiner Entlassung am Donnerstag nach Hause fahren wollen, wo er aber nie ankam. „Wir sind besorgt, weil weder wir noch die Familie seitdem Kontakt zu ihm hatten“, sagte der Sprecher. Die Polizei hat in den vergangenen Tagen diverse Kontakte des Pädagogen überprüft, aber ohne Ergebnis. „Wir haben momentan keine Spur, wo er sich aufhalten könnte“, sagte ein Polizeisprecher.

Pädagoge: „Es ist nichts passiert und es wäre nichts passiert.“

In der vor einer Woche ausgestrahlten Sendung hatte der 61-Jährige über einen Chatraum im Internet mit einer RTL-2-Journalistin Kontakt aufgenommen, die sich als 13-jähriges Mädchen aus München ausgegeben hatte. Er wollte bei dem Mädchen übernachten und traf sich mit ihm - gemimt von einer Schauspielerin - in einem Restaurant. Als er von der angeblichen Mutter des Kindes zur Rede gestellt wurde, sagte er: „Es ist nichts passiert und es wäre nichts passiert.“

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe wurde der Mann entlassen, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Nach Angaben der Heimaufsicht gibt es aber keine Hinweise auf Übergriffe in dem Kinderdorf selbst. Dort seien die Mitarbeiter sehr überrascht gewesen, sagte ein Sprecher der Regierung von Unterfranken. „Er forderte selber immer eine gewisse Distanz zu den Jugendlichen.“

Unterdessen wächst die Kritik an RTL 2. In der „Süddeutschen Zeitung“ rügte die Hamburger Medienanwältin Dorothee Bölke, dass die journalistischen Pflichten bei der Verdachtsberichterstattung nicht beachtet worden seien. Das Format sei „heikel“. „Man muss als Zuschauer davon ausgehen können, dass in dem Medium, das sich aufschwingt, einen Missstand aufzudecken, die Wirklichkeit abgebildet wird. In der Sendung wird aber die Wirklichkeit geschaffen“, monierte sie.

Im gleichen Blatt verteidigte sich der Produzent des Formats, Daniel Harrich. Er begrüße, dass der 61-Jährige nicht mehr mit Kindern arbeiten könne. Der in Würzburg vermisste Mann sei in seiner Sendung „nicht an den Pranger gestellt“ worden. Es gehe darum, „Kinder, Eltern, Lehrer und Pädagogen aufzuklären und sie für die Gefahren im Netz zu sensibilisieren“.

Stephanie zu Guttenberg wehrt sich gegen Kritik

Auch Stephanie zu Guttenberg, Ehefrau des Bundesverteidigungsministers, wehrt sich gegen die Kritik an der von ihr und dem früheren Hamburger Innensenator Udo Nagel präsentierten Sendung. „Ich bin entsetzt, wie diese Debatte geführt wird!“, sagte sie erneut der „Bild“-Zeitung, mit der sie auch eine Kampagne gegen den „Porno-Chic“ von Popstars wie Madonna und Rihanna führte. Die Sendung solle zeigen, „wie leicht unsere Kinder im Internet zu Opfern von Sextätern werden können“ und wie allgegenwärtig diese „widerliche Anmache von Online-Tätern ist“. Diese erschlichen sich skrupellos das Vertrauen von Kindern, „um sie zu Hause, im Wald oder im Hotel zu treffen“. (dpad/afp)

 
 

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