Julia Francks neuer Roman „Rücken an Rücken“

Britta Heidemann
Julia Franck Foto: afp
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Die Berliner Autorin Julia Franck („Die Mittagsfrau“) begibt sich im neuen Roman erneut in die Tiefen ihrer eigenen Familiengeschichte. Im Ringen um die Form aber unterliegt sie ihrem eigenen Stoff.

Woher nur nimmt Julia Franck diese grausamen Mütter? Im Roman „Die Mittagsfrau“, der 2007 den Deutschen Buchpreis erhielt, ließ Helene ihren kleinen Sohn am Bahnhof stehen, in der Hand einen Koffer mit der Adresse eines Verwandten. Nun begegnen wir einer Bildhauerin namens Käthe, die kälter kaum sein könnte. Da haben ihre Kinder Ella und Thomas, die sie zwei Wochen allein daheim ließ, das Haus geschrubbt, gescheuert – und sie sieht es nicht. Sieht die sehnsüchtigen Blicke nicht, die um Liebe flehen. Bemerkt nicht einmal, dass Ella und Thomas das kalte Haus (Käthe spart ja auch an Kohle) verlassen, per Ruderboot zu fliehen suchen, fast erfrieren - und zurückkehren. Julia Franck stellt unseren Glauben an ihre Geschichte auf eine wahrlich harte Probe.

„Rücken an Rücken“ ist ein seltsames Buch. Es umspannt die Jahre 1954 bis 1962 in Ostberlin, es erzählt von einer Künstlerin, die glühend an das System glaubt: als Bollwerk gegen den Faschismus, der sie einst aus Deutschland vertrieb, als Gegenwelt zum Großbürgertum, aus dem sie stammt. „Sie verabscheute die Elite, deren höhere Tochter sie selbst einmal gewesen war. Was zählte, war allein das, was der Mensch aus eigener Kraft schuf“, heißt es einmal: „Niemand habe ein Anrecht auf Liebe und Schutz.“ Ihren Sohn lässt sie stundenlang nackt Modell stehen (na klar: er friert) und schickt ihn später frohen Herzens zum Arbeitseinsatz in einen Steinbruch, wo ihn die Kollegen ohne Kleider in den See schicken (und wieder: er friert). Dass Käthes Tochter Ella erst vom Stiefvater, dann vom „Untermieter“, einem spitzelnden Funktionär, missbraucht wird, nimmt sie nicht wahr. Nicht nur die Kälte, die sich durch den Roman zieht wie ein eisblauer Faden, schmerzt den Leser: Die geschundenen Körper von Ella und Thomas wehren sich mit Pusteln, schuppigem Ausschlag, Gürtelrose; Blut und Eiter fließen.

Die Grausamkeit der Frauen

Wenn es um Ella und Thomas geht, dringt etwas Ungestümes in Francks sonst so poetische Sprache. Liebe finden die Geschwister nur beieinander, für eine Weile jedenfalls; krank aber wirkt auch das. „Rücken an Rücken“ sitzen sie als Kinder, als Jugendliche spielen sie im Restaurant Ehepaar: „Es gibt nur einen Mann, mit dem ich glücklich sein kann. Ella flüsterte in Thomas’ Ohr, das bist du.“ Und doch beherrscht auch Ella die Kunst der Grausamkeit, ist das erblich? Als Thomas schwerkrank vom Steinbruch heimkehrt, da verspeist sie heimlich schmatzend ein Stück Stollen – ohne ihm einen Bissen abzugeben. Und selbst wenn Ella nicht zuvor auch noch eingemachte Pflaumen gegessen hätte, hätte uns William Carlos Williams’ „Nur damit du Bescheid weißt“ angesprungen: „Ich habe/ die Pflaumen gegessen/ die im Eisschrank waren/ du wolltest/ sie sicher/ fürs Frühstück/ aufheben/ Verzeih mir/ sie waren herrlich/ so süß/ und so kalt“.

Neben den angedeuteten präsentiert Julia Franck reale (und ungleich ungelenkere) Gedichte, zu deren Urheber sie Thomas erklärt. In seinem Innern spiegelt sich das ganze Drama jener DDR-Künstler, die im „abgeschlossenen System“ die Zukunft für „undenkbar“ hielten, die den Mauerbau als Seelenqual erlebten. Auf der letzten Seite offenbart sie, die Gedichte seien dem Nachlass von Gottlieb Friedrich Franck (1944 – 1962) entnommen – das ist ihr Onkel, Bruder ihrer Mutter. Die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, geborene Franck, ist ihre Großmutter. Julia Franck hat, so wie sie in „Die Mittagsfrau“ die Geschichte ihres Vaters erzählt hat, nun den Versuch unternommen, für die Familiengeschichte mütterlicherseits eine Form zu finden. Doch so sehr das dramatische Ende berührt, das in den letzten Kapiteln noch eine durchaus erzählenswerte Liebesgeschichte zwischen Thomas und einer Krankenschwester einführt, die er als Praktikant in einer Klinik kennenlernt – die Idee, das Leben schreibe die besten Geschichten, erweist sich hier als Falle.

Denn so grausam Francks Frauenfiguren sind, so weichherzig geht sie selbst mit den Ihren um. Dabei hätten mehr Gestaltungswille und etwas weniger Respekt gegenüber dem echten Leben einem Werk gutgetan, das sich nicht recht entscheiden kann, welcher der Figurenpaarungen es nun erhellend folgen soll. Wo andere – der thematisch ja verwandte Eugen Ruge zum Beispiel – ihre Familiengeschichte als Steinklotz betrachten, aus dem eine Literaturskulptur zu formen sei, wagt Julia Franck offenbar kaum, den Meißel anzusetzen.

Julia Franck: Rücken an Rücken. Fischer, 384 S., 19,99 €