Jonas Jonassons neues Werk: Glaube, Hiebe, Hoffnung

Der schwedische Autor Jonas Jonasson.
Der schwedische Autor Jonas Jonasson.
Foto: picture alliance / dpa
Der schwedische Bestseller-Autor Jonas Jonasson verkündet im neuen Werk eine frohe Botschaft – und macht einen Mörder zum modernen Messias.

Essen.. Aller guten Dinge: Der schwedische Autor Jonas Jonasson (55) legt sein drittes Buch vor. Sowohl der Titel „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ als auch die Startauflage von 500 000 Exemplaren wecken allerhöchste Erwartungen, nämlich die, nicht weniger als das Erwartbare zu bekommen: Vielleicht einen irrwitzigen, politisch höchst unkorrekten Ritt durch die Verflechtungen der Weltpolitik eines ganzen Jahrhunderts, wie in „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“? Oder zumindest ein interkontinentales Verwirrspiel um afrikanische Machthaber, Entwicklungshilfe und den heimlichen Handel mit Atombomben – wie in „Die Analphabetin, die rechnen konnte“? Weit gefehlt: Diesmal scheint Jonasson es auf das spirituelle Herz der Zivilisation abgesehen zu haben – die Religion.

Eventuell aber verließ ihn unterwegs der Mut, schien ihm die Sprengkraft der naheliegenden Themen – Fanatismus, Gewalt, Unterdrückung – zu gewaltig, um sie mit seinen humoristischen Mitteln zu handhaben. Was er stattdessen über messianischen Eifer, doppelmoralige Kirchengründungen und berauschende Gottesdienste zu sagen hat, kommt über den Status einer launigen Provinzposse kaum heraus.

Jonas Jonasson setzt diesmal auf Protagonisten-Trio

Sein Protagonist? Diesmal sind es drei, die heilige Dreifaltigkeit: Per Persson (ein Name, so leicht zu vergessen, verhunzen, verwechseln wie Jonas Jonasson) ist Rezeptionist in einem ehemaligen Stundenhotel, das heute als Billigherberge auch für einen Gast namens „Mörder-Anders“ dient. Dritte im Bunde ist die Pfarrerin Johanna Kjellberg, die von ihrer Gemeinde zum Teufel gejagt wurde, weil sie Atheistin ist (vermutlich glaubt sie dann aber auch nicht an den Teufel, oder?). Die Bibel jedoch kennt sie in- und auswendig, was den Roman zu einer Fundgrube für obskure Zitate macht. Gemeinsam machen die drei aus „Mörder-Anders’“ Gelegenheitsjob – gegen Geld bricht er den Feinden seiner Freunde Arme oder Beine oder beides, das kostet aber Aufpreis – als Trio mit zwei Fäusten ein florierendes Unternehmen. Mit der Hilfe des Medien-Boulevards, der von „Mörder-Anders’“ bedrohlichen Fähigkeit gar nicht genug bekommen kann, denn: „Ein verängstigtes Volk ist ein Volk, das Zeitungen kauft.“

Das Geschäftsmodell gerät erst dann ins Schlingern, als „Mörder-Anders“ seine Liebe zu Jesus erkennt. Und fortan nur Gutes tun will. Wie es kommt, dass die Ex-Pfarrerin eine Kirche gründet, in der „Mörder-Anders“ predigt und seine Gemeinde den Wein so herunterspült, als wäre es Wasser, und dann die Spenden nur so fließen, das ist durchaus lustig zu lesen, inklusive solcher Unsinns-Zitate: „Wie in der Schrift steht: So saufe du nun auch, dass du taumelst! Denn zu dir wird umgehen der Kelch in der Rechten des Herrn.“

Jonas Jonasson ist wieder gewohnt drastisch

Gewohnt drastisch platziert Jonasson zudem links und rechts des biblischen Weges allerlei finstere Gestalten nebst einigen schauerlich verstümmelten Leichen. Denn „Mörder-Anders“, der moderne Messias, wird ausgerechnet von der Pfarrerin (ja gut: Ex-Pfarrerin) aufs Übelste betrogen, so dass er rasch die halbe schwedische Unterwelt auf den Fersen hat.

Als Jonas Jonasson zu schreiben begann, das erzählte er 2012 im Interview mit dieser Zeitung, hatte er gerade seine Firma verkaufen müssen, ein Opfer seiner eigenen „Höher-Schneller-Weiter“-Taktik: „Ich wurde krank, depressiv, litt unter Ängsten.“ Bislang war das Launige, Humorige seine Selbsttherapie; womöglich aber sind nun manche der krisenhaften Sinnfragen ins Werk eingeflossen: Gibt es einen Gott? Gibt es Hoffnung, Trost? Ginge es uns besser, wenn wir mehr geben, weniger nehmen?

So ehrenwert diese neue Ernsthaftigkeit scheint: Die moralin­gesättigte Doppel-Volte am Ende entlässt die Leser mit dem schalen Gefühl des entschiedenen Sowohl-als-Auch – so froh die Botschaft auch sein mag, die Jonas Jonasson da verkündet.

Jonas Jonassons dritter Roman „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ erscheint am Donnerstag, 7. April (carl’s books, 352 S., 19,99 €, Ebook 15,99 €). Das Hörbuch (19,99 €) liest Jürgen von der Lippe.

 
 

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