„Jonas“ – Christian Ulmens Albtraum namens Schule

Dieter Oßwald
Christian Ulmen schlüpfte für sein neues Projekt in die Haut eines Pennälers: Aus dem 36-Jährigen wird der 18-jährige Schüler "Jonas". Im Interview spricht der Comedian über allmächtige Lehrer, das Eigenleben von Kunstfiguren und das Spannende der Wirklichkeit.

Essen. Ob als tapsiger Treuepunktesammler in „Männerherzen“ oder als lakonischer „Herr Lehmann“: Christian Ulmen kaspert sich durchs Humor-Genre wie kaum ein anderer. Sein jüngster Coup: Wie einst Heinz Rühmann in der berühmten „Feuerzangenbowle“ begibt sich Ulmen zurück auf die Schulbank. Aus dem 36-jährigen Schauspieler wird der 18-jährige Pennäler „Jonas“. Mit Ulmen unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Mit welchem Schönheitsrezept macht man sich erfolgreich fast 20 Jahre jünger?

Christian Ulmen: Das war vor allem die Arbeit der Maskenbildner, deren Verjüngungsgeheimnisse ich aber im Detail leider nicht wiedergeben kann. Weil das Make-Up morgens um 4 Uhr früh begann, bin ich regelmäßig vor dem Spiegel eingeschlafen. Im Prinzip war es vor allem eine sehr gute Nassrasur, die Verdichtung meiner Augenbrauen sowie reichlich Eisbeutel auf den Augen.

Wussten die Schüler tatsächlich nicht, wer da in Ihre Klasse kommt?

Den Schülern wurde erklärt, dass ein neuer Mitschüler kommt, der für eine Reportage rund um die Uhr von Kameras begleitet wird. Allerdings waren die Lehrer und Elternvertreter eingeweiht, es kann sein, dass die Information zu einigen Schülern durchgesickert sind. Aber das ist vollkommen irrelevant, denn nach einer gewissen Zeit tritt eine Gewöhnung ein. Es gibt das Phänomen, dass unser Gehirn auf Dauer gar nicht in der Lage ist, eine Figur ständig als unecht wahrzunehmen.

„Die Angst vor dem Scheitern war ständig da“

Wie groß war die Gefahr, dass dieses Konzept nicht funktioniert und das „Jonas“-Projekt an die Wand fährt?

Christian Ulmen: Die Angst vor dem Scheitern war ständig da, dieser Versuch hätte natürlich schiefgehen können. Zumal ich hier alles Bewährte verlassen habe: Es gibt keine Provokation, keine peinlichen Situationen und statt einer komödiantischen Figur haben wir den ganz normalen Schüler Jonas. Aber die Wirklichkeit war so spannend, dass es genügt, sie einfach abzubilden. Der Blick durch die Augen von Jonas rührt an die eigenen Ängste vor dem Schulbesuch, die jeder in sich trägt.

Gingen Sie etwa nicht gerne zur Schule?

Christian Ulmen: Doch. Ich bin trotzdem bis vor kurzem noch nachts schweißgebadet aufgewacht, weil ich davon träumte, nochmals zur Schule gehen zu müssen und zu versagen. Ich kenne keinen, der nicht ab und an vor solchen Albträumen vor bevorstehenden Prüfungen heimgesucht wird. Diese Urängste vor der Schule werden durch unseren Jonas geweckt und quasi als Trauma-Therapie nochmals durchlebt.

„Lehrer strotzten vor Macht und Kraft“

Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihren Lehrern?

Christian Ulmen: Für mich waren viele Lehrer solche vor Macht und Kraft strotzende Fabelwesen, die beinahe nichts Menschliches mehr an sich hatten. Die hatten die Möglichkeit, über mein Leben zu entscheiden und konnten, wenn sie wollten, mir eine Sechs geben. Im Gegensatz dazu zeigt unser Film, dass Lehrer durchaus auch mal Menschen sind, bei denen bisweilen sogar eine Art Seele aufblitzt.

War es entspannend für Sie, in diesem Experiment einmal nicht den Provokateur zu geben?

Christian Ulmen: Es ist ja schon eine gewisse Form von Provokation, dass es hier keine Provokation gibt. Als wir den Film angekündigt hatten, dachten viele, das würde eine Art „Mein neuer Freund“ an der Schule, wo auf krasse Art die Lehrer fertiggemacht werden – aber genau das geschieht ja nicht, und das macht mir Spaß. Mir hat es schon immer gefallen, Erwartungshaltungen zu brechen.

Inzwischen kann sich im Internet jeder als Komiker präsentieren – bringt diese Demokratisierung der Comedy einen neuen Schub an Späßen?

Christian Ulmen: Nein, nur weil es Werkzeuge gibt, mit denen jeder umgehen kann, heißt das noch lange nicht, dass daraus auch gute Inhalte entstehen. Eine ähnliche Diskussion gab es damals bei der Erfindung des Synthesizers. Auch damit konnte jeder gleich Harmonien basteln, eine Schwemme neuer begnadeter Komponisten hat es dadurch jedoch nicht gegeben.