John le Carré, unser englischer Freund

Zum Frühstück eine leckere Weintraube für den Windhund: John le Carré in den 90er-Jahren.
Zum Frühstück eine leckere Weintraube für den Windhund: John le Carré in den 90er-Jahren.
Foto: Getty Images
Zum 85. Geburtstag schenkt John le Carré seinen Fans ein Erinnerungsbuch: „Der Taubentunnel“ verspricht „Geschichten aus meinem Leben“.

Wer die Bücher von John le Carré schätzt, könnte enttäuscht sein, dass dies nun nicht sein „letzter Roman“ (sein vierundzwanzigster seit 1961) ist, an dem er nach Auskunft seiner Website eifrig arbeitet. Sondern „nur“ ein Erinnerungsbuch: „Geschichten aus meinem Leben“, von denen manche auch schon bekannt sind. Also: Lustige Anekdoten aus der Welt der Spione; Unerfreuliches aus der Familie (besonders vom lebenslangen Kampf mit dem dominanten Vater und seiner kriminellen Energie); Minireportagen von riskanten Recherchereisen noch des Siebzigjährigen nach Palästina, Indochina, Ruanda.

Aufschlussreich sind Szenen aus dem Literaturbetrieb, die einer der weltweit bekanntesten und bestverdienenden Autoren nach einem halben Jahrhundert auch selbstironisch erzählen kann. Am amüsantesten die Rückblicke auf „nicht gedrehte Filme“ mit Regisseuren wie Sidney Pollack, Stanley Kubrick, Francis Ford Coppola und – Überraschung! – dem alten Fritz Lang.

So klar wie noch nie spricht er über seine „völlige Hingabe an die deutsche Literatur, und das zu einer Zeit, als für viele Menschen schon allein das Wort Deutsch ein Synonym für das Böse an sich war.“ Ohne sie, fährt er fort, „hätte ich Deutschland 1949 nicht auf Drängen meines geflohenen jüdischen Deutschlehrers besucht, nicht die dem Erdboden gleichgemachten Städte an der Ruhr gesehen oder hundeelend (...) in einem deutschen Notlazarett in einem Berliner U-Bahnhof gelegen; ich hätte auch nicht die Konzentrationslager in Dachau und Bergen-Belsen aufgesucht, in denen der Gestank noch immer in den Baracken stand, um dann (...) zurückzukehren (...) zu meinem Thomas Mann und meinem Hermann Hesse“. Die „ Früchte dieses frühen Versenkens in alles Deutsche“ habe er „nun klar vor Augen (...): die Vorstellung, dass die Reise des Menschen von der Wiege bis zur Bahre die einer nicht endenden Wissensaneignung ist – nicht sonderlich originell, möglicherweise auch fragwürdig, aber so war es nun mal.“

Faible fürs Deutsche

Das paradoxe Nebeneinander von Goethes Bildungsideal und Holocaust hat man oft schon kritisch erwähnt; John le Carré gibt dem sogar eine positive Wendung – bis hin zum heutigen Lob unseres Grundgesetzes als der „besten Verfassung Europas, vielleicht der Welt.“ Vielleicht ist diese German connection, neben einem altmodisch-britischen Sinn für Fairness, auch eine Quelle für das moralische Fundament seiner Thriller. Das macht John le Carré nach wie vor einzigartig. Und während dieser britische Gentleman und Freund der Deutschen auf seinen 85. Geburtstag am 19. Oktober zusteuert, verspricht uns – zum Glück – die Official Website of John le Carré nach wie vor seinen „letzten Roman“.

John le Carré: Der Taubentunnel. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, 383 Seiten, 22 €

 
 

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