Johanna von Orleans – Heilige, Besessene, Furie

Auf dem Schachtfeld erwürgt: Matthias Eberle (Montgomery), Lena Schwarz (Johanna) in der Inszenierung der „Jungfrau von Orleans“ von Roger Vontobel. (Foto: Arno Declair)
Auf dem Schachtfeld erwürgt: Matthias Eberle (Montgomery), Lena Schwarz (Johanna) in der Inszenierung der „Jungfrau von Orleans“ von Roger Vontobel. (Foto: Arno Declair)
Foto: Arno Declair
Wie gut, dass Klassiker sich immer neuen Deutungen stellen müssen. Am Schauspielhaus Bochum holt Regisseur Roger Vontobel Schillers „Jungfrau von Orleans“ in die Gegenwart, macht sie zum Spielball der Männer und sorgt für E-Gitarren-Untermalung.

Bochum. Bei den nervös paffenden Herren in ihren Banker-Anzügen könnte man fast den Eindruck haben, sie jammerten nicht über verlorene Schlachten, sondern über den Untergang ihres Kreditinstituts im Zuge der Finanzkrise. Dann aber erscheint da plötzlich dieses junge Landei Johanna mit ihrem überraschenden Insiderwissen – und plötzlich schöpft man wieder Mut, fühlt sich von Gott selbst subventioniert und stürzt sich erfolgreich in den nächsten Kampf.

Roger Vontobels entschlackte Inszenierung von Schillers „Jungfrau von Orleans“ am Schauspielhaus Bochum hält wahrlich viele Deutungsebenen parat, zerrt Schillers romantischen Idealismus ins grelle Licht der Gegenwart und lässt ihn dort verdorren. Was bleibt, ist eine von Männertribunalen gegängelte Frauengestalt, deren wahrem Wesen man bis zum Schluss nachspürt. Zu disparat bleibt diese Gestalt in der Fassung von Vontobel und der Dramaturgin Anna Haas. Ob Heilige, religiös Besessene oder gar terroristische Amazone, Lena Schwarz vereinigt all diese Facetten in ihrer Interpretation einer Rolle, die sie eines Probenunfalls wegen relativ kurzfristig übernommen hat. Und wenn sie hier auf dem Schlachtfeld zur Furie wird, die den um sein Leben flehenden englischen Befehlshaber Montgomery nicht einfach mit dem Schwert fällt, sondern mit einer Schnur quälend lang erdrosselt, dann meint man etwas von der Penthesilea durchschimmern zu sehen, die diese Schauspielerin in Bochum einst verkörpert hat.

Beharrliches Schweigen

Mit nur wenigen Akteuren schmiedet Vontobel sich seinen Schiller. Hatte der dieser Jeanne d’Arc noch den Heldentod auf dem Schlachtfeld gegönnt, so steht hier am Anfang gleich die aus historischen Dokumenten geformte Befragung durch die Inquisition. Der Feuertod der Jungfrau, der Gott angeblich befohlen haben soll, sich an die Spitze des französischen Heeres im Gefecht mit den Engländern zu stellen, ist Johannas beharrlichem Schweigen wegen beschlossene Sache. Die Richter in ihren roten Roben verwandeln sich dabei nach und nach in Figuren aus der Vergangenheit dieser jungen Frau, die ständig nur der Erwartungshaltung von Männern entsprechen soll.

Gitarren-Gewitter und Stroboscope

Die großen Schlachten, das sind hier von Gitarren-Gewittern und Stroboscope zerfetzte Disco-Szenen, aus denen Johanna mit Dreck und Blut beschmiert herausfindet. Am Ende ist sie das Opfer einer Welt von Männern, die sich längst in neue Koalitionen gerettet haben und den Feind von gestern als Freund von heute begrüßen.

Da Vontobel das Stück mit wenig Personal spielen lässt und die männlichen Akteure sich immer wieder in neue Charaktere stürzen müssen, bleibt nicht viel Zeit zur Profilierung. Einzig Florian Lange vermag zu beeindrucken, wie er da sowohl den zaghaften König Karl als auch dessen resolute Mutter Isabeau unvergesslich macht. Es bleibt der Glanz von Lena Schwarz, die auch dann noch die Szene beherrscht, wenn ihr die Worte längst ausgegangen sind.

 
 

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