Oberhausen

„Iphigenie“ im Reclam-Hefte-Regen

Gelbe Hefte, gelbes Sofa: „Iphigenie" 2011 am Theater Oberhausen. Foto: Theater Oberhausen
Gelbe Hefte, gelbes Sofa: „Iphigenie" 2011 am Theater Oberhausen. Foto: Theater Oberhausen
Foto: Andrea Engelke

Oberhausen. . In der Schule ist Goethes „Iphigenie“ wieder Pflichtstoff. Aber warum soll man sie sich im Theater anschauen? Oberhausen gelingt immerhin die höchst lebendige Veranschaulichung eines Lesedramas. Das sollte sich an Schulen bald herumsprechen.

Goethe selbst wusste schon, dass seine erzklassische „Iphigenie“ flüssig zu lesen ist, auf der Bühne aber leicht ins Stocken gerät: Das Drama spielt sich fast nur im Inneren der Personen ab, die Handlung erstarrt oft zur Verhandlung. So hat Sarantos Zervoulakos, mit gerade mal 30 ein Shooting-Star der Regie, eigentlich alles richtig gemacht mit seiner 90-Minuten-„Iphigenie“, die jetzt in Oberhausen Premiere feierte.

Der in Thessaloniki geborene und in Iserlohn aufgewachsene Zervoulakos hat seine Regie-Ausbildung am Wiener Max-Reinhardt-Seminar absolviert. Er macht der „Iphigenie“ mit beherzten Strichen Beine - ohne den Slalom der Gefühle auf einen bizarren Zickzack-Kurs zu verkürzen. Dabei helfen ihm Schauspieler wie Elisabeth Kopp, die der Titelrolle auch im Schweigen ein erzählfreudiges Gesicht gibt, oder Michael Witte, der den liebenden Barbarenkönig Thoas mit dem Habitus eines grimmigen Geschäftsmannes ausstattet. Richtig gutes Schauspielertheater ist hier zu sehen, im Falle von Martin Hohners wahnsinnigem Orest sogar beängstigend gutes: Mit ihm, der die Mutter abschlachtete, nachdem sie seinen Vater umgebracht hatte, blickt man in Abgründe, aus denen nicht nur das Entsetzen schreit, sondern auch ein unheimliches Lachen heraufdringt.

Misstrauenserklärung an eingepaukte klassische Bildung

Und wie der Jambentext, so die Bühne: aufs Wesentliche reduziert (Raimondo Orfeo Voigt). Drei Wände strahlen im Weiß von unbeschriebenen Blättern, die Insel Tauris besteht aus einem Sofa und einem Sessel, gestrandet in einem Meer aus gelben Reclam-Heften: Die humanitätsbefördernde „Iphigenie“ ist schließlich wieder Pflichtstoff in der Schule, ganz so wie im wilhelminischen Gymnasium und in der restaurativen Nachkriegszeit.

Gleich zu Beginn fällt mit lautem Knall ein neuer Schwung mit hunderten von Heften auf die Bühne herab; später werden Orest und seine Schwester Iphigenie darauf herumwaten, ein doppelbödiges Spiel also, mit einer fundamentalen Misstrauenserklärung an eingepaukte klassische Bildung. Aber selbst das beantwortet die Frage, warum man sich die „Iphigenie“ im Theater anschauen soll, nur halb.

Dass die Oberhausener „Iphigenie“ immerhin die höchst lebendige Veranschaulichung eines Lesedramas leistet, sollte sich schnell an den Schulen herumsprechen. Denn selbst in der Premierenvorstellung waren auf den Zuschauerrängen durchaus noch einige Plätze frei. Der Beifall fiel dennoch laut, herzlich und lang aus.

Termine: 4. und 30. März, 19.30 Uhr; Karten: Tel. 0208 / 85 78 184 oder www.theater-oberhausen.de

 
 

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