Inmitten der Datenströme

Rainer Wanzelius

Dortmund.  Drei Menschen. Acht Rechner. Fünf Beamer. Acht Boxen. Eine Kinect 3D-Kamera. Doch am Ende dieses Abends kritzelt mein Bleistift den letzten Begriff, den ich wahrgenommen habe, in meinen Schreibblock - so: Maschinen aus Sonnenlicht.

Wenn man mutig und offen ist und sich die Wörter nicht reimen müssen, ist „Der Live-Code“ im Studio des Dortmunder Schauspiels tatsächlich ein fundamental poetischer Abend. Ein visionär-utopisches Szenario, in dessen Verlauf sich die alte, natürliche Evolution im Sinne Darwins von sich selbst verabschiedet und das der Welt eine neue Evolution verspricht, den in neuronale Systeme gespannten programmierten Neuen Menschen. Welch ein Traum!

Dabei, so neu ist das ja nicht. Daniel Hengst (Konzept und Video), Rolf Meinecke (Live-Coding), Martin Juhls (Live-Musik), Eva Verena Müller (Schauspielerin) und ein großes Programmierer-Team (bis hin zu einer Pixel-Hospitantin) haben für ihr Installationsgedicht in auch schon wieder alten Büchern geblättert. Fündig wurden sie bei einem genialen Propheten: bei Marshall McLuhan (1911 bis 1980), der schon vor bald einem halben Jahrhundert das Informationszeitalter einläutete. Von ihm haben sich die Live-Codierer auch den Untertitel geborgt: „Krieg und Frieden im globalen Dorf“.

Aber was ist das nun, was der Zuschauer in diesem dunklen Raum der rasenden Datenströme, Befehlsketten, farbigen Strichcodes, gitter- und faltenbergförmigen Abbildungen, der pulsenden Grooves, der sprechenden Fischmodelle und der fast real gefilmten sprechenden Schauspielerin erlebt? Er steht, geht, sieht, hört, entziffert. Er ist aufgefordert, sich zurechtzufinden. Er kann den Saal verlassen, aber das wäre wie Heraustreten aus sich selbst. Eine eigene, festgelegte Botschaft vermittelt „Live-Code“ schließlich nicht.

Phasenweise wirkt die Flut der Daten wie ein Tutorial in Sachen DNA plus GPS, angewandte digitale Ingenieurskunst, aber eben Kunst. Dann begreift man, dass es unsere Gefühle sind, die hier kreisen. Momente der Schönheit, zugegeben. Kurz mal Bildflächen wie von Lyonel Feininger, Strukturen wie von Victor Vasarely. Mag man.

Ursuppengeblubber. Doch dann, wenn die Schmerzboten durch die Synapsen wandern, durchs Hirn und zurück, wird die Sache unangenehmer. Am Eingang konnte man Ohrstöpsel mitnehmen. Es wird laut, lauter, eine neuronale Klimax gewissermaßen, die in Sägegeräusche übergeht. OP am offenen Herzen. Und dann doch wieder diese verklärenden Momente, besonders gegen Schluss. Elogen. Körperlose Menschen, Licht in sonnendurchschienenen Körpern, Datenhäuten. Nie endendes Leben? Nach 70 Minuten verlassen die Besucher, das Theater, die Maschine dreht sich weiter.

Wie also sterben?