Im Werkraum der Moderne

Essen..  Für manchen ist der Fortschritt ein Versprechen. Für Thomas Struth ist er erst mal eine ziemlich unsortierte Angelegenheit. Ein undurchdringliches Gewirr aus Kabeln, Monitoren, Schaltkreisen, Röhren. Die sonst so streng abgeschotteten Orte der Hochtechnik, die Schauplätze der Forschung, die der Düsseldorfer Fotograf mit seiner Plattenkamera besucht hat, sind aber nicht nur sorgfältig belichtete Szenen jenes Chaos, aus dem hier Fortschritt entsteht. Sie drücken offenbar auch recht präzise das Empfinden des international renommierten Fotokünstlers und einstigen Becher-Schüler aus: Eine Mischung aus Science Fiction-Faszination und leisem High Tech-Unbehagen, aus alltäglicher Nutzer-Routine und Fortschritts-Skepsis, die auch den Betrachter beim Anblick der großformatigen Bilder befallen kann.

„Nature and Politics“ heißt Struths neue Ausstellung im Museum Folkwang, die sich vor allem zwei großen Werkgruppen widmet. Zum einen sind das die geheimnisvollen, technischen Wunderkammern der Raumfahrt und der Plasmaphysik zwischen dem Space Center Cape Canaveral und dem Max-Planck-Institut Greifswald oder die mächtige, geradezu monolithische schwimmende Ölplattform in Korea. Zum anderen zeigt Struth von Menschenhand gemachte Erlebniswelten: Die bizarr getürmten Phantasiegebirge und künstlichen Canyons des Disney-Vergnügungsparks in Kalifornien, die wie eine grotesk-überhöhte Antwort auf das ewige babylonische Streben nach Größe wirken. Gezeigt werden 34 meist riesenformatige Struth-Werke, die im großzügigen Ambiente der Folkwang-Halle Entfaltungsraum für ihre stillen Korrespondenzen finden.

„Nature and Politics“: Der Titel verspricht viel Welthaltigkeit, wobei Struth sich weder als globaler Mahner noch als Fürsprecher einer zunehmend technoiden Gesellschaft sieht. Was die Kunst dieses sympathisch unprätentiösen Blickefängers auszeichnet, der 1954 in Geldern geboren wurde und dem Museum Folkwang eines seiner ersten Bilder verkaufen konnte, wie er sich gestern in Essen erinnerte, ist eine Größe ohne Überwältigungsabsicht, eine gestochen-scharfe, detailgenaue Sicht auf die Spielorte der Zukunft, ohne dabei auch nur eine Andeutung von Erklärung oder Einordnung geben zu wollen. Dementsprechend konsequent sind die Bilder der Ausstellung diesmal auch allesamt ohne Titel zu sehen.

„Die Ausstellung soll ja nicht daherkommen wie eine Technik-Revue“, sagt Struth, der sich nicht für den technischen Vorgang an sich interessiert, sondern für die menschliche Motivation, das Erschaffen- und Erobernwollen. Spuren dieses Strebens, aber auch des Scheiterns hat Struth sogar in den verödeten Randgebieten von Ramallah wie auf den verlassenen, verdörrten und unfruchtbar gemachten Hügeln von Nazareth gefunden: „Nature and Politics“.

Struth, der mit seinen hallenhohen „Museumsbildern“ und den wuchernden Urwaldpanoramen bekannt geworden ist, sucht dabei keine Schlagwörter. Er sucht nach Themen, für die es sich heute lohnt, den großen Spot auf die Dinge des Lebens zu richten. Die Ausstellung, die nach Essen noch in Berlin, Atlanta und Saint Louis zu sehen ist, findet darauf vielschichtige Antworten.

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