Im Spinnennetz der Neonazis

Monika Willer

Dortmund.  Horst Eckert ist einer der profiliertesten Erzähler in Deutschland. Der Düsseldorfer Autor begreift das Genre Krimi konsequent als Zeitstück und schreibt über die Gegenwart, über korrupte Banker, islamistische Gewalttäter und jetzt über den Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Seinem neuen Roman „Wolfsspinne“ fügt der 57-Jährige eine Liste mit den Todesopfern rechter Gewalt in Deutschland seit dem 3. Oktober 1990 bei, die von der Antonio-Amadeu-Stiftung erstellt wurde. Sie ist erschütternd lang.

Verbrechen des NSU aufklären

Meines Erachtens geht vom ganzen Thema rechte Gewalt eine größere Gefahr für unsere Demokratie aus als vom Islamismus“, sagt Eckert im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich sehe die Gefahr, dass die rechten Täter denken, sie hätten die Unterstützung der Bevölkerung. Bei den Verbrechen des NSU muss Licht ins Dunkel gebracht werden. Ich möchte wissen, was da los war.“

Doch wie nähert man sich dem Stoff heute, aus dem Rückblick von zehn Jahren, den quälenden Prozess gegen die schweigende Beate Zschäpe im Hinterkopf, und ohne dass daraus eine historische Abhandlung wird? Horst Eckert, der Meister des Polizeithrillers, blickt durch die Brille der Kriminalbeamten. Mit Ronny Vogt aus den neuen Bundesländern erfindet er einen Verfassungsschutzmann, der damals dabei war und jetzt im rheinischen Drogensumpf eingesetzt wird. Kripomann Vincent Veih hingegen kommt über den Mord an einer Düsseldorfer Restaurantbesitzerin ins Drogenmilieu und stößt dort auf Spuren rechten Terrors.

Bilder einer Gesellschaft

Mit vielen Zwischentönen zeichnet Eckert das Bild einer Gesellschaft, die sich durch rechte Gewalt und Drogen selbst zu zerreiben droht. Diese Erosion betrifft nicht nur die Ränder, sie reicht bis in die Mitte, bis in den Polizeiapparat. Bürointrigen, Machtkämpfe, politische Seilschaften und Korruption prägen den Alltag der Beamten, und damit wird die Behörde zum Spiegelbild der Gesellschaft, die zu schützen sie täglich antritt.

Zivilcourage ist eine seltene Währung in diesem Dschungel. Vincent Veih hat es besonders schwer, seinen Weg zu finden, denn als Enkel eines berüchtigten Nazi-Polizisten und Sohn einer verurteilten RAF-Terroristin ist er ohnehin ständig mit dem schmalen Grat zwischen Gut und Böse konfrontiert.

„Ich wollte dieses Mal auch den Opfern eine Stimme geben“, unterstreicht Eckert. „Im Krimi vergisst man die Opfer allzuleicht, denen unser Mitgefühl gehören sollte. Ich schreibe nicht mit erhobenem Zeigefinger, aber Literatur kann durchaus die Sinne schärfen und den Horizont erweitern.“

Der West-Ermittler Veih und der Ost-Verfassungsschützer Vogt sind Vettern, wie sich herausstellt. Ronny ist einer der wenigen, die Auskunft geben könnten über den Tod der beiden Uwes, denn er war dienstlich in die Sache involviert. An seiner Karriere verhandelt Eckert, was passieren kann, wenn die Geheimdienste sich zu sehr mit den von ihnen beobachteten Szenen identifizieren. Doch Ronny muss schweigen. Und die Strippenzieher behalten den Kopf oben.

Angst vor NSU 2.0

„Diesmal ging es mir schon nahe“, berichtet Eckert über den ­Schreibprozess. „Es ist ja auch noch nicht vorbei. Im Moment ermittelt die Bundesanwaltschaft in verschiedenen Regionen gegen organisierte rechte Gewalt. Es deutet sich schon ein NSU 2.0 an.“ Dieses Engagement merkt man dem Roman an. Eckert hat ihn mit kalter Wut und mit Herzblut zugleich verfasst. Deshalb ist „Wolfsspinne“ nicht nur ein spannender Krimi, sondern vor allem ein bitterböser Thriller.