Im Meer der Toten

Caroline Hanke, Björn Gabriel, Annika Meyer, Luise Heyer in Peter Jordans „Macbeth“-Inszenierung am  Schauspiel Dortmund. Foto: Franz Luthe
Caroline Hanke, Björn Gabriel, Annika Meyer, Luise Heyer in Peter Jordans „Macbeth“-Inszenierung am Schauspiel Dortmund. Foto: Franz Luthe
Foto: Schauspiel Dortmund
Peter Jordan inszeniert Shakespeares „Macbeth“ als triebgesteuerte Mords-Geschichte mit gewaltigen Schatten in einer Folge von großen Auftritten

Dortmund. Der erste Blick auf die Bühne von Daniel Roskamp ruft das Bild von Waschkauen stillgelegter Zechen in Er­innerung – ein Himmel aus lauter Kleidung. Doch wenn der ersten Leiche die Hose aus­gezogen und sie in die Hö­he befördert wird, ahnt man die wahre Bedeutung dieses Tex­tilfeldes: Die Kleidung, das sind all die Toten aus zahllosen Schlachten und finsteren Intrigen, die nun bedrohlich über der Szene hängen und nach Neuzugängen gieren.

Tote gibt es viele in Shakespeares düsterem „Macbeth“, den der erstmals Regie führende Schauspieler Peter Jordan jetzt für das Dortmunder Theater eingerichtet hat. Ganz Schottland ist ein Schlachthaus, und Jordan macht es deutlich: Abgeschlagene Köpfe trägt man im blutfeuchten Beutel bei sich, und wenn man zum nächsten Mord schreitet, dann geht das Opfer dem Täter dabei gar zur Hand. König Duncan (Uwe Rohbeck) be­schmiert sich und seinen Mörder Macbeth schon mal selbst mit Blut, bevor er in dessen Armen verendet. So wie Björn Gabriel die Titelrolle anlegt, ist er mehr larmoyante Marionette denn überzeugt Handelnder. Seine in jeder Be­ziehung stärkere Lady (Melanie Lüninghöner) muss dem Zaudernden erst einmal den Weg in Richtung Machtgier und Thron weisen. Dann aber ist kein Halten mehr.

Der Himmel senkt sich

Das Licht kommt in Dortmund von Scheinwerfern am Boden, was den Handelnden dämonische Züge und gewaltige Schatten verleiht. In diesem unwirklichen Raum webt Jordan ein Gespinst aus lasziven Hexen, die den Boden bereiten für all die Mordlust, aus Geilheit und Sex als Triebmittel, was auch postmortal nicht enden will. Als Macbeth der blutbeschmierte Geist des gemeuchelten Freundes Banquo (Jakob Schneider) er­scheint, ist die Begegnung zwischen beiden nicht frei von Erotik. Macbeth, der Serienkiller, sucht die Vergebung seiner Opfer. Wenn er am Ende, alles um ihn herum tot oder wahnsinnig, seine Einsamkeit be­klagt, senkt sich der Himmel herab und taucht ihn hinein ins Meer der Toten.

Szenische Einfälle hat Jordan zuhauf; woran es mangelt, das ist die Führung der Akteure. Nur selten wird der Raum als Ganzes genutzt, meist marschieren die Schauspieler von hinten schnurstracks an die Rampe, um sich dort in Szene zu setzen. Wenn sie dann auch noch inneren Aufruhr fast ausnahmslos mit Geschrei übersetzen dürfen, weiß man wieder, dass hier ein Schauspieler Regie führt, der den Kollegen den großen Auftritt nicht nehmen will. Trotzdem: langer, freundlicher Applaus.

 
 

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