Im choreografischen Niemandsland

Carmen/Boléro am Aalto Theater Essen
Carmen/Boléro am Aalto Theater Essen
Foto: Aalto Ballett
Seine Choreografien verkaufen sich, wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Mit „Carmen / Boléro“ griff jetzt Ben Van Cauwenbergh in seiner nunmehr dritten Spielzeit als Direktor des Essener Aalto Ballett Theaters erneut in den schier unerschöpflichen Fundus publikumswirksamer Stücke, mit denen er bereits in seiner Zeit am Hessischen Staatstheater Wiesbaden dem Haus ausverkaufte Abende garantierte. Die „Carmen / Boléro“-Serie ist bereits jetzt so gut wie ausverkauft.

Essen.. Seine Choreografien verkaufen sich, wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Mit „Carmen / Boléro“ griff jetzt Ben Van Cauwenbergh in seiner nunmehr dritten Spielzeit als Direktor des Essener Aalto Ballett Theaters erneut in den schier unerschöpflichen Fundus publikumswirksamer Stücke, mit denen er bereits in seiner Zeit am Hessischen Staatstheater Wiesbaden dem Haus ausverkaufte Abende garantierte. Die „Carmen / Boléro“-Serie ist bereits jetzt so gut wie ausverkauft.

Bleibt die Frage, wohin Van Cauwenbergh mit seinem Es­sener Ballett künstlerisch will. Seine Carmen mit Ravels an­gehängtem Boléro und einem Intermezzo, Teil II aus Wolfgang Rihms vier Orchesterstücken „Das Lesen der Schrift“, ergießt sich als üppige Bilderflut über die Bühne. Im ersten Akt erzählt Van Cauwenbergh kaum modifiziert die Opern-Story der stolzen eigensinnigen Frau zwischen zwei Männern, die Geschichte einer Außenseiterin. Diesem Thema nähert er sich im zweiten Teil des Abends. Dort spinnt er die Geschichte zu Rihm und Ravels suggestivem Boléro wei­ter: Carmens Beerdigung, der misstrauische Hass, mit dem die Dorfgemeinschaft sie auch nach dem Tod verfolgt.

Zeigte Van Cauwenbergh im ersten Teil zur etwas unverbindlich und teilweise spannungslos arrangierten Musik Georges Bizets die Stärke vor allem seiner Solisten, so führte der zweite Teil choreografisch ins Niemandsland fließender Bewegungsarrangements.

Dabei setzt diese Carmen im ersten Teil doch tänzerische Maßstäbe auf hohem und dem für Cauwenbergh typischen neo-klassischen Niveau. Seine Carmen (Adeline Pastor) beherrscht die Ausdruckspalette ge­schmeidiger Lyrik oder virtuoser Pirouetten. Ihre Du­ette mit dem fast traumverloren tanzenden Marat Ourtaev als José oder dem zupackenden Escamillo von Armen Ha­kobyan zeigen hochkonzentrierten Tanz, elegante He­be­fi­guren, spannenden Ausdruck in tragischer Zerrissenheit.

Spektakulär schön

Den Comic-relief lieferte der brillant-komödiantische Wa­ta­ru Shimizu als zwielichtiger Gastwirt. Von Bühnenpräsenz und technischem Rüstzeug her hat er das Zeug zum Publikumsliebling. Lediglich Yulia Tsoi als Micaela hätte man mehr choreografische Aufmerksamkeit gewünscht und so die ausdrucksstarke Tänzerin zur echten Gegenfigur der Carmen entwickelt.

Wenn Carmen und ihre Liebhaber am Ende wie Untote auftauchen und die einstige Femme fatale wie eine un­er­reichbare Himmelskönigin am oberen Bühnenrand kauert, ist das spektakulär und schön (wie die gänzlich kitschfreien Kostüme Je­rome Kaplans), eröffnet aber kei­ne neue Sicht auf „Carmen“.

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