Ildikó von Kürthy betritt „Neuland“ – und wird blond

Ildikó von Kürthy: Als Botox-Blondine beim Deutschen Filmpreis.
Ildikó von Kürthy: Als Botox-Blondine beim Deutschen Filmpreis.
Foto: German Select/Getty Images
Ildikó von Kürthy unternimmt einen Selbstversuch und testet die Heilsversprechen, die die weibliche Midlife-Crisis in Schach halten sollen.

Essen. Haben Sie sich auch schon gefragt, welche Frau eigentlich all diese Achtsamkeitsseminare besucht, die Schweigetage im Kloster oder Entschlackungs-Kuren in Bayern oder ein Wildnistraining im mitteldeutschen Mischwald? Welche Frau sich mit Mitte vierzig die Haare blondiert und künstlich verlängert? Sich botoxen lässt und einem Acht-Punkte-Lifting mit Hyaluronsäure unterzieht?

Jetzt wissen Sie es: Ildikó von Kürthy macht das. Alles.

[kein Linktext vorhanden]Die 1968 in Aachen geborene Journalistin unterhält seit ihrem Bestseller „Mondscheintarif“ Millionen Leserinnen mit frauentypischen Sujets (der Bauchspeck, die Männer, das Altern). Im neuen Werk „Neuland“ aber betritt sie höchstselbst ein solches. In ihrem Selbstversuch am eigenen Ich tut sie all die Dinge, die mittelalte Frauen eben so tun in ihrem drängenden Wunsch nach inneren und äußeren Veränderungen. „Die unzufriedene Frau über vierzig“, diagnostiziert die Autorin selbst sehr treffsicher, „ist eine tickende Zeitbombe.“

Zweitausend Euro allein für die Haare

Wehe, wenn sie hochgeht. Zweitausend Euro für die Haare, dreitausend für das Schock- und Wegfrosten des Oberschenkelfetts, nochmal dreitausend für ein Seminar in „Redegewandheit und Souveränität“ – zum Glück kann Frau von Kürthy das als Recherchekosten absetzen. Und läuft als Blondine im maßgeschneiderten orangefarbenen Kleid über einen roten Teppich: „Blond sein ist, wie oben ohne zu gehen.“

Toll. Oder?

Die Mischung dieser „Reise ins Ich“ irritiert ja zunächst: Die Rundumerneuerung umfasst den Verzicht auf Alkohol und weißen Zucker, ein Fitnessprogramm und diverse oberflächliche Spachtelarbeiten, aber eben auch tiefschürfende Fragen wie „War das schon alles?“ oder „Was bedeutet es, sterblich zu sein?“ – letztere gipfelt in einer Nacht als Sterbebegleiterin in einem Hospiz. Tatsächlich aber dürfte Ildikó von Kürthy damit die Ambivalenzen vieler Leserinnen getroffen haben und ist clever genug, Kritik vorwegzunehmen: „Wohlstandstussi auf Sensationssuche“ – wieso will eine Bestsellerlautorin, die mit Mann und Kindern im schicken Hamburger Vorort lebt, „an diesem reichhaltigen Leben“ etwas ändern? Die Antwort: „Ich will genau das, was alle wollen: mehr!“ Das gibt mal einen Punkt für Ehrlichkeit.

„Wir mit unseren Lügen-Gesichtern!“

Einen weiteren gibt’s für diese Einsicht: „Künstliche Schönheit verändert allmählich die Sehgewohnheiten“ – weil wir uns schon wundern, wenn eine Frau mit fünfzig so aussieht wie eine Frau mit fünfzig (und nicht wie dreißig). Eindrücklich schildert die blondierte, geglättete Autorin, wieso die Tatsache, dass ihr Vater blind war, ihr noch heute in gewisser Weise die Augen öffnet: „Für einen Blinden bist du nie ein Hingucker. Für mich wurde Sprache zu meinem wichtigsten Schönheitsmerkmal.

Denn der erste und wichtigste Mann in meinem Leben war kein Zuschauer. Er war ein Zuhörer.“ Und so ruft sie ihren Leserinnen zu: „Wir mit unseren Lügen-Gesichtern!“ Ein „Horrorkabinett“. Emanzipation wäre: die Problemzonen im Kopf bekämpfen.

In diesem Moment ist das Buch selbst eine Blondine, die im Innern brünett ist: klug, gewitzt und weise.

Es gilt, Ballast abzuwerfen

Und das Ende dieses Veränderungstaumels? Eine professionelle Schreibtisch-Entrümplerin und eine Personal Shopperin für den Kleiderschrank müssen ran – es gilt, Ballast abzuwerfen. Aber nicht überall! Die Partnerschaft lässt die Autorin wohlweislich (und eher untypisch, sagt der Blick auf die Statistik) unentrümpelt, denn „dieses ewige Getrenne finde ich blöd. Es ist irgendwie völlig aus der Mode gekommen zu verzeihen, Kompromisse zu machen, durchzuhalten und der Liebe zuzugestehen, dass sie sich verändert“.

Und was nehmen Sie sich fürs kommende Jahr vor? Ich weiß schon was: einfach mal aufschreiben, was Frauen insgeheim so umtreibt. Und damit Bestsellerautorin werden.

 
 

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