Ich mache das, worauf ich Bock habe

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Essen. Selim Özdogan gab mit "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" 1995 sein Debüt als Schriftsteller. Das Werk gilt noch heute als Kultbuch. DerWesten sprach mit dem Autoren, dessen neustes Werk "Zwischen zwei Träumen" 2009 erscheinen wird

Herr Özdogan, Sie betreiben auf Ihrer Homepage seit vielen Jahren eine ungewöhnlich offene Kommunikation mit Ihren Lesern. Sie schreiben einen Newsletter, berichten über Probleme mit Verlegern und veröffentlichen dort ungeschützt Kurzgeschichten und Prosa. Wie kam es dazu?

Selim Özdogan: Das war kein Geistesblitz. Ich habe lediglich irgendwann gemerkt, was für Möglichkeiten man mit einer eigenen Homepage hat und habe nie verstanden, warum andere diese nicht nutzen wollen. Es wird immer gesagt, dass einem Kurzgeschichten geklaut werden, die man ungesichert veröffentlicht. Das passiert aber nicht. Man ist immer viel zu sehr auf Sicherheit bedacht. Die Erfahrung hat mir gezeigt: es geht auch ohne zu viel Sicherheitsdenken. Was meine Kommunikation per Newsletter betrifft: Das wirkt offener als es tatsächlich ist. Einfach nur deshalb, weil andere es nicht tun.

Machen es andere nicht, um die Distanz zu den Lesern zu bewahren?

Selim Özdogan: Das kann schon sein, aber die genauen Beweggründe kenne ich auch nicht. Es gibt wohl Dinge, die man einfach nicht macht, beispielsweise über Geld reden. Mir ist das egal.

Hatten Sie noch nie einen Nachteil dadurch, dass Sie so offen kommunizieren?

Selim Özdogan: Es gibt Sachen, über die ich in meinem Newsletter schreibe, auf die man im Nachhinein angesprochen wird. So fand mein neuer Verleger es komisch, dass ich gesagt habe, dass Literaturpreise oder große Besprechungen in den Feuilletons wegfallen, wenn man bei Bastei Lübbe ist. Das hätte ich an ihrer Stelle vielleicht auch komisch gefunden, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sie diffamiert hätte. Es war zwar nicht schön dem Verlag gegenüberzusitzen und noch einmal mit den Aussagen konfrontiert zu werden, aber sie konnten im Grunde auch nicht gegenargumentieren. Wenn einem egal ist, was der Verlag denkt und man nicht auf Preise oder Stipendien aus ist, gibt's keinen Grund dafür Angst zu haben, weil man seine Klappe aufreißt.

Ist das ein Grund dafür, dass Sie für Ihr neues Buch lange Zeit nach einem Verleger suchen mussten?

Selim Özdogan: Nein, aber ich habe vorher gedacht, dass mein Stand in dieser Literaturlandschaft ein bisschen besser ist. Das dies nicht so ist war ernüchternd, mehr aber auch nicht. Zuvor war ich immer beim gleichen Verlag. Die haben alles genommen, was ich geschrieben habe. Die hätten auch das neue Buch genommen, aber für mich gab es andere Gründe von dort wegzugehen.

Anfang der 90er Jahre haben Sie mehrere Fächer studiert und wurden zum Yogalehrer ausgebildet. Haben Sie parallel dazu schon an Ihrem Debütroman "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" geschrieben?

Selim Özdogan: Ich habe nach dem Abi nur angefangen zu studieren, weil ich irgendwie die Zeit überbrücken wollte bis mein erstes Buch draußen ist…

Das war Ihnen schon während der Schulzeit klar?

Selim Özdogan: …na klar. Das war schon der Plan seitdem ich Vierzehn war. Ich wollte schon damals schreiben und davon leben können.

Haben Sie zu der Zeit denn schon etwas geschrieben?

Selim Özdogan: Wenig... fast gar nichts. Aber mir war einfach alles viel zu klein. Ich hätte auch nie für die Schülerzeitung geschrieben, weil ich mir immer dachte, es muss was Großes sein. Die Uni hat mir dahingehend geholfen, dass ich es dort scheiße fand und irgendwann so verzweifelt war, dass mir die Dringlichkeit tatsächlich endlich ein Buch zu schreiben, mehr und mehr bewusst wurde. Nebenbei habe ich immer auch gearbeitet, von irgendetwas musste man ja leben. Insgesamt war's aber eine geile Zeit. Das ist heute bestimmt nicht mehr so als Student. Das Leben auf dem Arbeitsmarkt war damals nicht mal ansatzweise so hart wie heute.

War Ihr Debütroman ihr allererster literarischer Versuch?

Selim Özdogan: Ich habe vorher schon angefangen andere Sachen zu schreiben, welche mir aber nie gut genug gefallen haben. Das war unter anderem eine Art Gedichtband und es ist wahrscheinlich gut, dass er nie veröffentlicht wurde. Es hat eine Weile gedauert bis mir klar wurde, dass ich Gedichte nicht so gut kann. Dennoch erscheinen nächstes Jahr Gedichte von mir. Ich nenne sie aber Kurzprosa.

Gab es damals literarische Vorbilder für Sie?

Selim Özdogan: Man hat zunächst immer irgendwelche Vorbilder. Ich hätte damals mein Leben gegeben, um so schreiben zu können wie Philippe Djian. Rückblickend sieht das alles ganz anders aus, ich habe heute eine andere Meinung über ihn. Ändert aber nichts daran, dass mich das damals ungemein gekickt hat. Zur damaligen Zeit war Djian für mich ein optimales Beispiel dafür, was man an Worten alles herausholen kann.

Nächstes Jahr im Januar erscheint Ihr neuer Roman "Zwischen zwei Träumen". Worum wird es da gehen?

Selim Özdogan: Es ist eine Art Science-Fiction-Geschichte und spielt in einer Welt, in der die Träume fremder Menschen konsumierbar geworden sind. Irgendjemand träumt etwas ein und ein anderer kann genau den Traum hinterher ebenfalls träumen. Es ist gleichzeitig auch eine Liebes- und Kriminalgeschichte.

Sie haben in der Vergangenheit auch Beiträge oder Kurzgeschichten für Zeitschriften geschrieben, beispielsweise für Frauenzeitschriften wie "Petra". Wie sehr stehen Sie zu solchen Auftragsarbeiten?

Selim Özdogan: Es gibt manchmal Aufträge von Zeitschriften, die von mir einen Text zu einem bestimmten Thema haben wollen. Dafür gibt's dann Geld und das kann ich gut gebrauchen. Mittlerweile weiß ich von vornherein, dass die Texte vor der Veröffentlichung noch geändert werden und ich mich nicht darüber ärgern darf. Dafür zahlen sie einem schließlich Schmerzensgeld. Die grundsätzliche Frage ist allerdings: wer verdammt noch mal braucht überhaupt eine Zeitschrift wie "Petra"? Warum müssen wir jede zweite Woche aufs Neue die ganze Wahrheit über den Orgasmus erfahren? Oder irgendwelche Storys darüber, dass beim nächsten Mann alles anders wird. Leser lassen sich nun mal gerne belügen oder nehmen es nicht wirklich ernst, was da geschrieben wird. Für mich ist das absoluter Schwachsinn. Somit ist es auf jeden Fall sehr seltsam, für ein Medium zu produzieren, das man selbst niemals konsumieren würde.

Normalerweise basieren Drehbücher auf Romanvorlagen, ihr Buch "Im Juli" basiert dagegen auf den gleichnamigen Film von Fatih Akin. Wie kam es dazu?

Selim Özdogan: Ich kannte Fatih schon vorher. Er rief mich irgendwann an und fragte, ob ich nicht Bock hätte das Buch zum Film zu machen. Ich kannte den Film bis dahin noch nicht, war aber davon überzeugt, dass Fatih schon irgendwas Gutes gemacht haben wird. Also hab ich zugesagt. Am Ende hatte ich relativ wenig Zeit, um das Buch fertig zu schreiben. Heute finde ich das Werk alles andere als gut. Man hätte viel mehr rausholen können, aber als Experiment ist's okay.

In Akins letztem Film "Auf der anderen Seite" reicht der Hauptdarsteller seinem Vater in einer Szene ihr Buch "Die Tochter des Schmieds". Haben Sie sich darüber gefreut?

Selim Özdogan: Fatih mochte das Buch gerne , also hat er es einfach gemacht. Mich hat keiner gefragt. Aber irgendwie habe ich mich natürlich darüber gefreut. Die Buch-Verkaufszahlen nach dem Film haben gezeigt, dass das Ganze auch kommerziell etwas gebracht hat. Auf so eine unübliche Art und Weise eine größere Verbreitung zu finden ist ohne Frage schön.

Wie ist das für Sie, wenn Sie mit Filmemachern und Schriftstellern wie Fatih Akin oder Feridun Zaimoglu automatisch zu einer Gruppe gezählt werden, nur aufgrund der gemeinsamen türkischen Wurzeln?

Selim Özdogan: Ich mache das, worauf ich Bock habe und nicht was in irgendeiner Gruppe funktioniert oder so sein muss. Man hat zwar zu Leuten mit ähnlicher Herkunft eventuell eine andere Verbundenheit, aber mehr auch nicht. Zaimoglu macht eine völlig andere Art von Literatur als ich. Da sind keine literarischen Gemeinsamkeiten vorhanden. Man kommt zwar nicht drum herum, dass einen die Öffentlichkeit immer in die gleiche Schublade wie die anderen stecken will, aber das ärgert mich schon lange nicht mehr.

Würden Sie sich wünschen, dass Ihr Erstlingswerk, das bis heute als Kultbuch gilt, mal verfilmt wird?

Selim Özdogan: Die Wahrheit ist: es ist mir egal, solange das Geld zählt. Vor vielen Jahren hätte ich sicher ein Interesse daran gehabt, dass der Film gut wird. Aber man hat als Autor wenig Einfluss auf das Ergebnis. Produzenten, Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler und viele andere labern einem herein, so dass nicht viel von der Vorlage übrig bleibt. Filmemachen ist ein Kompromiss zwischen all diesen Leuten. Das Filmgeschäft erscheint mir ohnehin pervers. Da ist so viel Geld im Umlauf, dass es zu seltsamen Auswüchsen kommt. Ein bisschen besser ist’s vielleicht noch bei einigen Autorenfilmen.

Am Donnerstag haben Sie eine Lesung im Rahmen der Internationalen Woche in Dortmund. Wie kam der Kontakt zustande?

Selim Özdogan: Ich weiß bisher wenig über die Internationale Woche, vielleicht sieht das nach meiner Lesung etwas anders aus. Es gibt in Dortmund einen DJ und Kleinveranstalter, der für die Leute von der Internationalen Woche als Berater fungiert. Dieser Mann heißt Wolfgang "Martini" Kühnast und hat auch mit mir schon mehrere Lesungen organisiert. Er hat mich für die Internationale Woche vorgeschlagen und somit bin ich dabei.

Sie haben in einem anderen Interview mal gesagt, dass Sie schreiben, um zu versuchen die Welt zu begreifen. Haben Sie die Welt mittlerweile etwas besser begriffen?

Selim Özdogan: Nein, aber immer wieder anders und das ist auch sehr schön.

Der Internetauftritt von Selim Özdogan

Özdogans Blog "Passen die Schuhe, vergisst man die Füße"

 
 

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