Hoffmanns Erzählungen am Aalto - die Liebe ist nur eine Vorstellung

Hoffmanns Erzählungen Aalto-Theater Essen. Foto: Thilo Beu
Hoffmanns Erzählungen Aalto-Theater Essen. Foto: Thilo Beu
Foto: Thilo Beu
Früher fürchtete sich das konservative Zuschauerlager vor Dietrich HIlsdorf. Sein „Altersstil“ aber erreicht auch sie. Hilsdorfs „Hoffmanns Erzählungen“ wurde jetzt am Aalto-Theater einhellig gefeiert.

Essen.. Wer das Schaffen des Opernregisseurs Dietrich Hilsdorf über die Jahrzehnte verfolgt hat, durfte Zeuge wesentlicher Veränderungen werden. Wir kennen ihn noch als Bürgerschreck, der mit „Don Carlos“ der Aalto-Bühne erstens einen veritablen Theaterskandal, zweitens aber eine der erfolgreichsten Inszenierungen ihrer Geschichte schenkte.

Zuletzt sind Hilsdorfs Mittel sparsamer geworden. Nun treibt der 63-Jährige seine kluge Reduktion auf die Spitze. Für „Hoffmanns Erzählungen“ lässt er vom Theater nichts – als das nackte Theater. Es ist der Mut zu Kargheit und Konzentration, der diese Inszenierung am Aalto-Theater auszeichnet. So spielerisch Hilsdorf eingangs noch in die Situation einführt (es kommen Menschen zu spät, andere tigern rastlos durchs Parkett), so finster spitzt der Abend sich zu. Alles ist – wie Offenbachs Unvollendete es vorsieht – schales Erinnern in Hilsdorfs leerem Lustspielhaus, alles Suff und lieblose Leidenschaft. Das Leben, eine alte Vorstellung: längst abgespielt.

Hilsdorf darf auf ein grandioses Ensemble bauen. Es gibt es unglaublich gute Sänger. Allein Michaela Selingers Muse lohnt den Besuch – ein Mezzosopran zum Niedernknien, sinnlich, zupackend, zugleich weich und selbstverständlich geführt. Stefan Soltesz warb sie von der Wiener Staatsoper ab. Ein Geschenk!

Eine Riege starker Frauen

Überhaupt sind die Frauen, die Hoffmann auf den Hund bringen, brillant: Rebecca Nelsens quecksilbrig unheimliches Maschinenmädchen Olympia und Olga Mykytenkos gefährdete Schönheit Antonia. Ieva Prudnikovaite singt die Kurtisane Giulietta mit unwiderstehlich dunkelsüßem Timbre. Dass sie zu den Opernsängerinnen gehört, denen noch ein Hauch von Nichts als Kostüm glänzend steht, sei nicht verschwiegen.

Dietrich Hilsdorfs Zugriff bleibt klar in der Tradition der Opéra comique. Er setzt auf pointierte kurze Dialoge zwischen den Gesangsszenen. Ob er gut beraten war, das in der Originalsprache zu tun, sei gefragt. Die meisten Sänger scheitern am geschliffenen Französisch – und damit zünden die lichten wie die finsteren Spitzen nicht immer ideal.

Wie zu Hilsdorfs großen Verdi-Würfen hat Johannes Leiacker das Bühnenbild entworfen. Er weist dem Theater selbst eine Rolle zu: Auf den ersten Blick einschüchternd, auf den zweiten hohl wie Hoffmanns Leben.

Außenseiter in Bildern

Es gibt durchaus Spannungslöcher in dieser Inszenierung. Vieles aber hat starke Kammerspiel-Farben. Andere Momente erzählen in präzisen, vom vorzüglichen Chor gestützten Bildern vom Außenseitertum: Ein Mann blickt zurück – die Anderen blicken dabei auf ihn. Was tut man da? Sich erschießen? Wie Hilsdorf das böse „Klick-Klack“ des Klein-Zack-Liedes zum Echo eines scheiternden Suizids macht, zählt zu den Geniestreichen des Abends.

Thomas Piffka hat einst als Mozart-Sänger Furore gemacht. Das ist lange her. Er aktiviert für den Hoffmann alle Reserven, beeindruckend, überzeugend nicht zuletzt als gebrochener Held. Allein Thomas Mayers schönem Bariton fehlt für Offenbachs Schurken-Trio noch der letzte Funke krimineller Energie.

Und der Maestro? Mag es an den fantastischenSängern liegen oder an seinen Seitenblicken zu prominenten Häusern: Nicht ganz so stürmisch wie üblich wird Stefan Soltesz gefeiert, aber immer noch kräftig. Mit enormem Tempo und unzähligen Klangpointen erzählt er mit Essens Philharmonikern einen schlackenfreien „Hoffmann“ voller Esprit.

 
 

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