Hitler im Roman - Timur Vermes’ Debut mit „Er ist wieder da“

Der Autor Timur Vermes auf der Frankfurter Buchmesse.
Der Autor Timur Vermes auf der Frankfurter Buchmesse.
Foto: dapd
Der Autor Timur Vermes antwortet auf die Frage, ob man sich mit Adolf Hitler amüsieren darf. "Er ist wieder da" ist der Titel, mit dem Vermes auf jetzt auf der Frankfurter Buchmesse debütierte - und auf die Bestseller-Liste stürmt.

Frankfurt/Main.. Über Hitler darf man lachen, klar. Aber mit ihm? Timur Vermes hat den wohl verstörendsten Bücherhit der Saison gelandet: Der ehemalige Boulevard-Journalist mit ungarischen Wurzeln, der zuletzt als Ghostwriter unter anderem für einen Tatort-Reiniger schrieb, begibt sich in seinem Romandebüt ins Zentrum des Grauens: in den Kopf Adolf Hitlers. „Er ist wieder da“ steht derzeit auf Platz neun der Spiegel-Bestsellerliste. Die Story: Im Jahr 2011 wacht Hitler auf einer Wiese in Berlin auf, alsbald tingelt er mit seinen eigenwilligen Ansichten durch deutsche Fernseh-Shows – und schart erneut Anhänger um sich.

Der Erfolg des Buches erklärt sich nicht allein aus der Tatsache, dass der Eichborn-Verlag es zum Spitzentitel erkor und Christoph Maria Herbst das Hörbuch einlas (wenngleich das geholfen haben dürfte). Auch die Komik, die Vermes aus Hitlers Begegnung mit Phänomenen wie Youtube zieht, reicht nicht als Begründung. Eher ist es die unerschrockene Perspektive, die Frage: „Warum soll Hitler nicht menschlich sein?“

Furcht vor den falschen Lesern?

Ja, warum nicht? Timur Vermes kämpfte im Buchmessetrubel sehr entschieden, wortgewandt und witzig für sein Recht, den „echten“ Hitler zu zeigen – der sicher größenwahnsinnig und zutiefst gestört war, sich aber auch „charmant, höflich und flexibel“ zeigen konnte. „Es gibt natürlich Menschen, die gerne ein bequemes Monster hätten, dem sie die Schuld zuschieben können“, sagt Vermes.

Aber fürchtet er denn nun nicht, die falschen Leser zu gewinnen? Auch Neonazis kämen nicht gut weg bei ihm, entgegnet er spontan. Und schreibt später in einer langen Mail: „Hätte ich, um Neonazis als Kunden auszuschließen, meinen Hitler anders darstellen sollen? Dümmer, harmloser, schwächer? Führt nicht das zu all den Darstellungen, die wir bereits haben: als Clown, als Kasperl, als jähzorniger Brüllaffe? Und führen nicht all die neonazivergraulenden Darstellungen dazu, dass keiner Hitler mehr als das sieht, was er sehr wohl auch war und was seine Folgen erst ermöglicht hat: nämlich ein attraktives (weil ernstzunehmendes) Massenphänomen?“

Roman als Realitätstest

Ja, Timur Vermes’ Roman ist auch ein Realitätstest. Was wäre, wäre Hitler heute einer von uns? Was hätten wir ihm entgegenzusetzen? Oder hätte er nicht (wieder) leichtes Spiel? Am Ende des Buches lässt Hitler sich Wahlplakate entwerfen, darauf steht ein Slogan, den man sich heute gerne als Witz zuwirft: „Es war nicht alles schlecht.“ Bei Vermes wird daraus ein Satz, der für einen kalten Schauder gut ist.

 
 

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