Heinrich Himmlers Briefe strotzen vor Verdrängung

Himmler auf Flottenfahrt in Kiel1936 – das Foto ist eines jener Dokumente, die in Israel aufgetaucht sind und jetzt von der Zeitung „Welt am Sonntag“ veröffentlich wurden.
Himmler auf Flottenfahrt in Kiel1936 – das Foto ist eines jener Dokumente, die in Israel aufgetaucht sind und jetzt von der Zeitung „Welt am Sonntag“ veröffentlich wurden.
Foto: dpa
Er organisierte den Massenmord der Nazis: 700 Privatbriefe des Reichsführers SS wurden als Paket überliefert. Nun erscheinen sie als Buch. Und offenbaren so gut wie nichts Politisches, sondern solche Erkenntnisse, dass Himmlers Kinder „Pappi“ sagten und er „Ich fahr nach Auschwitz. Küsse. Dein Heini“ schrieb.

Essen. Heinrich Himmler. 1900 geboren als Sohn des Rektors des Wittelsbacher Gymnasiums in München. Studierter Agrarwissenschaftler und Laborant für künstliche Düngemittel. Reichsführer SS und als Innenminister höchster Polizeichef, Organisator des Holocaust. Verheiratet. Vier Kinder.

Es sind solche trockenen Lebensdaten, die man vom zweitmächtigsten Mann des Dritten Reiches kennt. Was er angerichtet hat, wissen wir: millionenhaften Massenmord. Was sein Privatleben angeht, ist vieles im Dunkeln. Aber kein führender Nazi hat bedeutende schriftliche Einblicke in den Familienalltag hinterlassen. Auch von Himmler war bisher wenig bekannt.

Keine „Stern“-Tagebücher

69 Jahre nach seinem Selbstmord im Verhörzimmer der 2. britischen Armee in Lüneburg liegen der „Welt am Sonntag“ jetzt 700 Briefe des Mannes an seine Frau Marga vor. Sie bedeuten zwar nicht, dass die Geschichte des Dritten Reiches neu geschrieben werden muss. Den Anspruch musste schon der „Stern“ mit der Veröffentlichung vermeintlicher Tagebücher Adolf Hitlers nach wenigen Tagen fallen lassen, weil die Hinterlassenschaft gefälscht war.

Sie geben aber Hinweise auf das Denken Himmlers. Aus katholischem bayerischem Elternhaus stammend hat er bis zu seinem Engagement in der NSdAP eine bürgerliche Karriere angestrebt. In den 20er-Jahren scheinen er und seine Frau von einem tief sitzenden Judenhass erfasst worden zu sein. Ihr graut es vor dem „Judenpack“, seine Briefe bilden die Banalität des Bösen ab: „Ich fahr nach Auschwitz. Küsse. Dein Heini“. Einiges deutet auf eher ungewöhnliche eheliche Verhältnisse der beiden hin: „Meine schwarze Seele denkt sich schon das Unmögliche aus“, schreibt Marga Himmler in Vorfreude auf einen der seltenen Besuche zu Hause. Dass die drei eigenen Kinder aus den Beziehungen zu seiner Frau und seiner späteren Geliebten - Gudrun, Helge, Nanette, zu denen auch noch der Adoptivsohn Gerhard kommt - den Vater „Pappi“ nennen, ist eine weitere Erkenntnis und soll noch anderswo vorkommen. Und dass ein Bayer sich über das „alte, scheußliche Berlin“ beklagt – auch nicht abwegig.

US-Einmarsch in Gmund am Tegernsee

Anders als die skandalösen Fälschungen des Hamburger Magazins dürfte es an der Echtheit der Briefe keine Zweifel geben. Auch der Präsident des Bundesarchivs, Michael Hollmann, sieht das so. Denn ihre Geschichte ist nachvollziehbar. Das Konvolut stammt aus dem Besitz eines KZ-Überlebenden und liegt im Tresor der israelischen Dokumentarfilmerin Vanessa Lapa. Ursprünglich sind die Briefpacken die private Beute eines GI’s gewesen, die nach dem US-Einmarsch in den Ort Gmund am Tegernsee das leer stehende Wohnhaus der Familie Himmler durchsucht hat. Dann verschwanden die Schriftstücke in den Nachkriegs-Wirren – und sind jetzt wieder aufgetaucht.

Wenig Politisches geht aus den Briefen hervor, es sei denn, manche Kälte ist politisch zu werten. Gar nichts Erhellendes gibt es über die Hintergründe der Massenvernichtung, deren Antreiber er war, denn „für Himmler ist der Massenmord keine mitteilungswerte Tatsache“, zitiert die „Welt am Sonntag“ die Großnichte Katrin Himmler, die gemeinsam mit dem Historiker Michael Wildt „Himmler privat – Briefe eines Massenmörders“ (400 Seiten, Piper-Verlag, 24,99 Euro) herausgibt. Und auch die merkwürdige Rolle, die Heinrich Himmler gegen Kriegsende spielte, als er die nahende Niederlage ahnte, bleibt im Nebel: Als vermeintlicher Vermittler eines Separatfriedens mit den Westalliierten. Hitler hat ihm das übel genommen.

Seine Antwort: Der Biss auf die Giftkapsel

Die Geschichtsschreibung weiß längst, wie es ausging: Noch zwei Wochen nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 versteckte er sich in der Uniform eines Feldpolizisten unter dem Phantasienamen „Heinrich Hitzinger“ in Schleswig-Holstein. Die Briten fassten ihn. „Sind Sie Heinrich Himmler?“ soll der Verhöroffizier unvermittelt gefragt haben. Als Antwort biss der Verbrecher auf die Giftkapsel.

 
 

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