Heimelig düstere Atmosphäre bei „The Cure“ in Köln

Ganz in die eigenen Songs versunken: Robert Smith zelebriert seine Musik fast so, als stünde er in Köln nicht vor 17.000 Zuschauern.
Ganz in die eigenen Songs versunken: Robert Smith zelebriert seine Musik fast so, als stünde er in Köln nicht vor 17.000 Zuschauern.
Foto: Thomas Brill
Strahlende Schwermut vom Zausel des Pop: Der Auftritt von „The Cure“ in der ausverkauften Kölner Arena gerät zum abgründigen Gesamtkunstwerk.

Köln.. Robert Smith sieht aus wie immer: ein überfüttertes Kind, dem man zu viel strähnige, schwarze Zuckerwatte an den Kopf geklebt hat; vielleicht auch, als wäre er beim Dreh des spinnenträchtigen „Lullaby“-Videoclips zu lange in der Badewanne liegen geblieben und deshalb ein wenig aufgedunsen. Aber ein Konzert von The Cure war eben noch nie ein Topmodel-Schaulauf. Vielmehr ist es ein abgründiges Gesamtkunstwerk, das sich eben um jenes verzauselte Musikgenie dreht, das sich seit Ende der 80er-Jahre aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, alle paar Jahre ein Album veröffentlicht – und sich ansonsten seines Lebens erfreut. Acht Jahre liegt das letzte Studioalbum zurück, acht Jahre auch die letzte reguläre Tour. Dazwischen ein paar Festival-Gigs.

Und doch gelingt es The Cure, die Arenen Europas zu füllen, so wie an diesem Abend die Kölner Arena mit 17.000 Zuschauern. Das liegt natürlich daran, dass die Fans nach acht Jahren Abstinenz recht ausgehungert sind. Aber auch daran, dass es Robert Smith gelungen ist, auf dem schmalen Grat zwischen New-Wave-Ikone und Popstar zu balancieren. Letztlich entscheidend jedoch dürfte sein, dass er im Laufe der 80er- und 90er-Jahre so viele Erfolge von enormer Qualität und Originalität produziert hat, dass er zurecht noch heute davon zehren kann.

Dass die Band die Hits an diesem Abend in Köln sorgsam dosiert, können die Fans kaum als Mangel empfinden, denn The Cure spielen auch nach großzügig gerechneten 40 Jahren noch Konzerte, die an der Dreistundengrenze kratzen. Und die langsam ihre Spannung aufbauen. Um einen Hit wie „A Walk“ vorzubereiten, kann sich Smith zwei Songs Zeit lassen, während eine Lichtshow mit hypnotischen Kreisen die Zuschauer langsam ins Geschehen hineinzieht.

Cure-Konzerte haben etwas angenehm Statisches

Wenn man dabei das Bühnengeschehen betrachtet, stellt man verwundert fest, dass Cure-Konzerte etwas angenehm Statisches haben, das sich auf satten Sound, einfache Lichteffekte und den zelebrierend dastehenden Smith konzentriert – wenn man davon absieht, dass der schlanke Bassist Simon Gallup rennt und sich gebärdet, als würde er pro verbrauchter Kalorie bezahlt.

„A Walk“, wie viele der Songs aus den frühen 80er-Jahren, kommt klanglich viel üppiger rüber als die LP-Version. Beim schnellen „Inbetween Days“ reißt es viele von den Sitzen. Sie kommen wieder herunter, weil die funkelnde Balladen „Pictures Of You“ nicht unbedingt die Stehposition erfordert.

17.000 Fans unter dem Arenadach

Smiths Streifzug führt durch „A Night Like This“, bringt uns den „Lovesong“ und das zum Dahinschmelzen hymnische „Just Like Heaven“. Das lebensverneinende, surreale „One Hundred Years“ mit seiner Zeile „It doesn’t matter if we all die“ schließt das Hauptset ab. Was vielleicht ein schöner Anlass ist, darüber nachzudenken, dass die 17.000 unter dem Arenadach ja vielleicht mit der Todessehnsucht als Idee spielen, sie aber deshalb doch nicht gleich konkret umsetzen wollen. Andernfalls hätte sich die Anhängerschaft von The Cure ja vermutlich selbst dahingemetzelt. Man könnte andererseits auch annehmen, dass so ein Cure-Konzert zum Gipfeltreffen gealterter Gothics verkäme, aber dafür ist das Publikum doch viel zu bunt – freilich mit vielen schwarzen Tupfern. Genügend Fans auch aus jüngeren Altersgruppen mischen sich darunter.

Bei „A Forest“ strahlt die Arena grün

Die Zugaben fallen bei The Cure traditionell fast so lang aus wie der ganze erste Konzertteil – und folgen zunächst einer ähnlichen Dramaturgie. „A Forest“, bei dem die ganze Arena grün erstrahlt, müssen sich die Fans erst drei Songs lang verdienen. Die zweite Zugabe startet langsam mit dem atmosphärisch düsteren und dichten „Fascination Street“, um sich in „Never Enough“ zu entladen.

Und erst in den letzten 20 Minuten feuern The Cure dann noch einmal die Hits in schnellen Salven ab: „Lullaby“, „Friday I’m In Love“, „Boys Don’t Cry“, „Close To Me“ und schließlich „Why Can’t I Be You“, mit dem sie jedes Konzert beenden. 30 traurige Songs, die zu Glücksspendern werden. Da freut man sich auf die nächste Tour, vielleicht ja schon in acht Jahren.

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